Wenn bei der Oscar-Verleihung Videospiele zugelassen wären, würde Hideo Kojimas zu den Nominees gehören.
Mach es gut, Solid Snake! Vielleicht sieht man sich ja wieder! Das waren unsere Gedanken, nachdem wir Metal Gear Solid 4 durchgespielt hatten. Wir waren tief gerührt, hatten leicht feuchte Augen und Gänsehaut am ganzen Körper. Der Abschied vom MGS-Haudegen fiel uns schwer. Sehr schwer. Hideo Kojima hat alles drauf und dran gesetzt, uns einen unvergesslichen Showdown zu bieten. Was er auch definitiv geschafft hat. Dieses Finale, damit meinen wir das gesamte PS3-Spiel, geht ganz tief unter Haut.
Speicherstände abrufenKojima spielt virtuos auf der Klaviatur der Gefühle. Dieses Konzert hat er sich angeblich 150 Millionen U.S.-Dollar kosten lassen. Das ist ein Drittel mehr als GTA IV verschlang. Mit diesem Rekordbudget kramt er meisterhaft in unseren MGS-Erinnerungen, die wir über die letzten zehn Jahren hinweg in unserem Gedächtnis abgelegt haben. Der Japaner macht es recht geschickt: Er ruft bereits erlebte Schlüsselszenen, Örtlichkeiten und Personen bei uns ab, an die man sich sofort erinnert. Vorausgesetzt, man hat die vorangegangen drei Teilen auch wirklich durchgespielt. Das ist auch der Punkt, am dem

sich die Geister scheiden werden: Auch wenn die Dialoge dieses Mal kaum tiefenphilosophisch ausfallen, haben es Quereinsteiger schwer, die Handlung wirklich zu kapieren.
Auf die Tränendüse drückenKojima lebt seine Rolle als digitaler Filmemacher in MGS 4 vollends aus. Er hat absichtlich ein Werk abseits des Mainstreams geschaffen, das dennoch die Massenkompatibilität einer Steven-Spielberg-Produktion besitzt. MGS 4 ist auf Blu-ray gepresster, spielbarer Hollywood-Prunk. Nur eben weitaus anspruchsvoller und... noch sentimentaler. Der Metal Gear-Vater lässt unser Stimmungsbarometer ständig nach oben und unten rauschen. Hass, Liebe, Wehmut, Neugier, Verwunderung - im Stakkato löst der eine Gemütszustand den anderen ab. Auch Solid Snakes Wesenzüge sind von Melancholie geprägt. Er wirkt zudem ausgesprochen ungeduldig und drängt mit seinem Handeln förmlich darauf, endlich Ordnung in seinem Leben schaffen und ins Reine mit sich und der Welt kommen. Ihm ist es egal, ob er dabei vom Gegner entdeckt wird.
Etwas riskierenKojimas Offensiv-Inszenierung seiner Tactical Espionage Action spiegelt sich nicht nur im ungewohnt straighten Vorgehen seines Helden, sondern auch in den Schauplätzen wider. Jede Location erzeugt eine komplett andere Stimmung und möchte vollkommen anders gespielt werden. MGS 4 ist ein ohrenbetäubender Shooter mit Fire-&-Forget-Attitüde. MGS 4 ist mitreißendes, spielbares Herzschmerzkino. Doch MGS 4 ist nur noch abschnittsweise der lieb gewonnene Agenten-Thriller auf leisen Sohlen. Hideo Kojima diktiert uns mehr denn je, wann wir zu schleichen haben und wann nicht. Damit bricht er seine eigenen Regeln, die er in den letzten zehn Jahren in dem von ihm geschaffenen Universum aufstellte.Absichtlich werden mehr die lauten statt die leisen Töne angeschlagen. Mit dem größtmöglichen Tamtam schickt das Mastermind seinen kriegsmüden Schützling in Rente.
Doch die eigens für Solid Snake arrangierte Abschiedstournee wurde nicht mit der gewohnten Perfektion organisiert. Gelegentlich fehlt es der Inszenierung an der schöpferischen Kreativität und Genialität, welche die MGS-Reihe bis dato so einmalig machte. Man meint, Kojima sind die frischen, revolutionären Ideen ausgegangen. Er versucht sich stattdessen selbst zu kopieren, aber nicht neu zu erfinden, wodurch das das Spektakel an manchen Stellen zu gewöhnlich wirkt.Man vermisst die schillernden Auftritte im Stil eines Psycho Mantis', der vom
PlayStation-Controller Besitz ergreift und nach bestimmten Speicherständen sucht. Solche dramaturgisch einzigartigen, bahnbrechenden Gamedesign-Momente, über die man auch noch in ein paar Jahren mit funkelnden Augen redet, sind in Teil 4 nicht vorhanden.