Sebastian Thor Es war nur eine Frage der Zeit, bis Capcoms zauberhaftes Epos auch auf Wii einkehrt. Wenn Ready at Dawn die Probleme in Sachen Bewegungserkennung noch von der To-do-Liste tilgen kann, zücke ich den Pinsel gern zum zweiten Mal.
Na also. Nachdem die PS2 letztes Jahr mit Okami eines der letzten großen Highlights spendiert bekam, ging die Wii bislang leer aus. "Warum eigentlich?", dürfte sich jeder fragen, der schon mal eine Remote in der Hand kreisen ließ. Im Juni ist es endlich so weit: Shiranui verwandelt Nintendos Jüngste in eine Leinwand, die Remote in einen Pinsel. Wir haben vorab Probe gekritzelt.
Verbitterte Datingopfer erkennt man an der langsam welkenden Tulpe im Knopfloch, männliche Kunden des Bitterfelder Swingerclubs an der Po-frei-Hose und unvergessliche Spiele ... viel zu selten! Klar, die halbe Welt steigert sich momentan schlaflos in hochprozentige GTA-Wut oder bringt die Xbox Live-Server mit Call of Duty 4 in Wallung. Aber die Welt der Spiele ist eine ungerechte Furie. Verdammt ungerecht. Sie stellt brutale Regeln auf, lässt Frühstarter gnadenlos verrecken und viele Highlights in der gesichtslosen Masse untergehen. Man denke zum Beispiel an Psychonauts, Beyond Good & Evil und ICO. Oder Okami, das trotz hervorragender Wertungen in den Händlerregalen verstaubte und nur in wenigen PS2-Laufwerken rotierte. Warum? Schwer zu sagen. Zu wenig Mainstream? Zu schüchtern? Trotz nicht zu übersehener Zelda-Anleihen seiner Zeit voraus? Auch wenn dem inzwischen geschlossenen Entwickler Clover der Firmenname nicht hold war, entschied sich Capcom dazu, dem Abenteuer um die wiedergeborene Wolfgöttin Amaterasu eine Wii-Fassung zu spendieren. Genau die Plattform also, die eigentlich jeder von Anfang an im Auge hatte.
Der Stil von Okami verzauberte schon auf der PS2.
Inhaltliche Änderungen wird es übrigens nicht geben, auch keine an der deutschen Lokalisierung. Okay, das wäre bei einem Abenteuer mit
derartigen Textmengen wohl eine Sisyphos-Arbeit. Aber trotzdem ist es schade, dass ein Spiel von solch makelloser Schönheit, ein Abenteuer dieser Klasse durch einen - wenn auch nur klitzekleinen - Schandfleck verunziert wird. Stellt euch also auf ein Dass-das-Tohuwabohu, auf eine Odyssee der Kommata ein. Aber das soll euch nicht davon abhalten, im Juni die Läden zu stürmen und diesem interaktiven japanischen Märchen eine zweite Chance zu geben, sollte die PS2-Version bislang an euch vorbeigezogen sein...
Zur Gedächtnisauffrischung: Finstere Schatten drohen Japan zu verschlingen, garstige Monstren irren ziellos umher, die Natur fällt der Zerstörung zum Opfer. Bäume verkohlen, Blumen verdorren, Nippon liegt im Sterben. Richtig übel trifft es das kleine Dörfchen Kamiki, das im Abstand von einhundert Jahren von einem neunköpfigen Drachen namens Orochi heimgesucht wird. Jedes Mal muss eine Jungfrau dran glauben, jedes Mal versinkt das Dorf in einem Meer der Traurigkeit und jedes Mal erscheint ein mysteriöser weißer Wolf auf der Bildfläche, der die Bestie bannt. Welche Rolle euch in dieser Geschichte zuteil wird, sollte klar sein. Zusammen mit Sidekick Issun stromert ihr durch ein faszinierendes Land voller Wunder, durch ein mystisches Reich voller Farben und Formen, Götter und Geister. Mit einem Pinsel zeichnet ihr Kirschbomben, die in einer kunterbunten Explosion zerplatzen. Ihr bringt die Sonne zum Lachen, Blumen zum Blühen, Sträucher zum Wachsen und eure Gegner zur Verzweiflung.
Bäume lasst ihr einfach per Pinselstrich blühen. Wenn doch nur alles im Leben so leicht wäre ...
Wie das funktioniert? Schlicht und einfach. Wie man es von der Wii erwarten würde. Während in der PS2-Fassung der linke Analogstick zum Pinsel führenden Utensil wurde, kommt hier natürlich die Remote zum Einsatz. Jede der insgesamt 13 Maltechniken erfordert eine bestimmte Geste, die an das Magiesystem von Arx Fatalis oder die Wunder aus Black & White erinnert. Ein Kreis um eine verkohlte Baumkrone lässt die Blüten wieder sprießen; einen betäubten Gegner attackiert ihr, indem ihr in durchstreicht. Sofern ihr nicht gerade einen Bosskampf austragt, wird dabei sogar die Zeit angehalten. Ihr könnt die Kamera drehen, den Blickwinkel justieren und einen günstigen Punkt suchen, um den Pinsel anzusetzen. Alle Aktionen, die früher mit dem Analogstick realisiert wurden, führt ihr jetzt mit lockeren Handbewegungen aus.
Na gut, allzu entspannt wirkte das System noch nicht. Die von uns gespielte Fassung hatte leider mit einigen Problemen zu kämpfen, was die Bewegungserkennung betrifft. Einige Angriffe wurden auf Anhieb umgesetzt, andere erst nach dem zehnten Versuch. Generell wirkte diese frühe Version noch ein wenig unausgegoren, was unter anderem zur Verschiebung in den Juni geführt hat. Und die war auch bitter nötig, schließlich käme es einer kleinen Katastrophe gleich, würde die Wii-Fassung durch derartige Nachlässigkeiten in die Unspielbarkeit abrutschen. Und sonst? Gibt's 480p-Support, der die Bilder auch am LCD-Fernseher mit Komponentenkabel richtig knackig strahlen lässt. Das ist schön fürs Auge, schön für die Seele. Ein lebendiges Gemälde voller Mythen, eine Welt in Pastellfarben, ein Kunstwerk, das ihr gestalten dürft. Ich hoffe jedenfalls, dass Ready at Dawn die Probleme in den Griff bekommt und dieses mutige Werk nicht zum zweiten Mal untergeht.