In den letzten Tagen überschlug sich die Presse mit Meldung zur Inhaftierung der Betreiber von FTPWelt.com, zur Schließung der Seite und der Veröffentlichung der Kundenkartei. Was die Inhaftierten, die Benutzer und andere, ähnlich kommerzielle Angebote erwartet, erfahrt ihr in unserem Bericht.
Juni 2003Im Juni des vorigen Jahres startete FTPWelt.com seinen kommerziellen Betrieb. Über zahlreiche Szeneseiten wurde der Dienst publik gemacht und erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Besonders auf Grund der hohen Geschwindigkeiten, der frühen Veröffentlichung von Filmen (FTPWelt konnte teilweise bereits eine Woche vor Veröffentlichung der Filme Mitschnitte anbieten) und der im Vergleich zu Tauschbörsen simplen Anwendung, konnte man viele Warez-User überzeugen, besonders zahlreiche "Neulinge" der Szene.
Angemeldete User konnten über die Seite verschiedene traffic- und zeitgebundene Tarife wählen, für Poweruser stand sogar eine Flatrate zur Verfügung. Die Abrechnung erfolgte über einen externen Service der RK Medienverlags GmbH. Schon für 15 Euro konnte man sich schätzungsweise zwei Filme von den Servern runterladen. Zahlen konnte man per Kreditkarte, Überweisung oder dem Anruf einer kostenpflichtigen 0190-Nummer.
Die Spiele, Filme und sonstige Downloads wurden über ein Netzwerk an Rechnern in ganz Europa verteilt - so besaß man Server in Russland, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Eingeloggt wurde sich über ein eigens konzipiertes Tool, welches interkontinentale Verbindungen vortäuschte. Mittels dieses Tools ließen sich Geschwindigkeiten von bis zu 90 Kb/sec für DSL Nutzer erreichen.
Für das auf den British Virgin Islands gemeldete Unternehmen "Internet Payment Systems Ltd.", ansässig in der Hauptstadt Road Town, verwaltete der Münchner Anwalt und Kanzleiinhaber Bernhard Syndikus die Finanzen, betreute Konten und gab Aufträge an die Rechenzentren in Bearbeitung.
Frühjahr 2004Nach mehreren Razzien und Hausdurchsuchungen konnte ein großer Teil der Erstveröffentlicher-Gruppen zerschlagen werden. Dies schränkte den Service von FTPWelt.com stark ein, so dass sowohl Qualität, als auch Quantität, stark zu leiden hatten.
Auch die Zerschlagung der Warez-Gruppe Fairlight (
wir berichteten) und der damit verbundene Rücktritt zahlreicher anderer Gruppen wirkte sich negativ auf die Aktualität aus. Dennoch konnte man zunehmend User gewinnen, die nicht nur zahlten, sondern auch kräftig für Traffic sorgten.
Des Weiteren fällt Syndikus' Kanzlei durch die Registrierung der Marke "emule" auf. Nur kurze Zeit später erfolgt die Abmahnung der Seite "emule.de", welche allerdings erfolglos blieb. Bereits in vorangegangenen Jahren fiel die Kanzlei durch dubiose Anzeigen gegen verschiedene Verbraucherschutzseiten für Dialer auf. Syndikus, selbst Geschäftsführer einer Dialerfirma, erklärte dies mit den "permanenten Verstößen gegen das Rechtsberatungsgesetz". Auch ging Kanzleipartner Günther Freiherr von Gravenreuth schon früher gegen den illegalen Handel von Spielen vor, in dem er sich als junges Mädchen ausgab, welches Interesse am Tausch eben jener Medien hatte.
16. September 2004Nachdem es einem Hacker gelang das System unbemerkt zu betreten, konnte er über Monate hinweg alle Mails, Abrechnungen und Userdaten einsehen. Hinzu kam das Wissen von Angaben zu Bankverbindungen und den Standorten der Rechenzentren. Der über die Aktionen der Kanzlei negativ gestimmte Mann sammelte alle Indizien und übergab diese einem Mittelsmann der Polizei. So lies die Staatsanwaltschaft unter anderem alle Telefonate abhören.
Nach der Razzia in der Anwaltskanzlei von Syndikus beschlagnahmte man neben Computern auch zahlreiche Akten. Bernhard Syndikus,

dessen thüringer Drahtzieher Daniel und Thomas R. sowie deren 19-jähriger Serveradministrator wurden wegen dem Verdacht der Geldwäsche, der Gründung einer kriminellen Organisation sowie der Verletzung von Urheberrechten in mehreren gravierenden Fällen in Untersuchungshaft gesteckt.
Der 20-jährige Daniel R., sowie dessen zehn Jahre älterer Bruder Thomas, sollen den Service komplett organisiert haben, als Inhaber aber nicht in Erscheinung getreten sein. Die bereits oben erwähnte Briefkastenunternehmen "Internet Payment Systems Ltd." sorgte für genügend Verschleierung.
Schon am ersten Tag konnte man den Kundenbestand von mehr als 45.000 Usern feststellen, die einen monatlichen Gewinn von 120.000 - 140.000 Euro ermöglichten. Die Schadenssumme belief sich auf einen zweistelligen Millionenbereich, so die ersten Schätzungen der GVU. Erste Maßnahmen zur Vermögungsabschöpfung wurden laut der Staatsanwaltschaft Mühlhausen bereits eingeleitet.
Nach ersten Einschätzungen von Rechtsexperten brauchten sich die zahlenden User wenig Gedanken um strafrechtliche Folgen zu machen. Im Internet kursierten allerdings bereits erste Listen der Kundendatenbank, mit allen eMail-Adressen der Nutzer - ein leichtes Spiel also für die Ermittler, die entsprechenden Personen im Zusammenhang mit den Zahlungsbelegen ausfindig zu machen.
Die Server samt den illegalen Dateien liefen unterdessen munter weiter.
17. September 2004
Wie die Staatsanwaltschaft der Presse mitteilte, wurden die FTPWelt-Besitzer heute dem Haftrichter vorgeführt. Mittlerweile habe man 250.000 Euro von deutschen Konten sicherstellen können.
Neues gab es zum Thema Kundenkartei: Staatsanwalt Thomas Köhler lies verlauten, dass gegen sämtliche 45.000 Benutzer ein Strafverfahren eingeleitet werden soll. "Der Download war strafbar. Die Nutzer werden sich kaum damit herausreden können, gemeint zu haben, es handelt sich um ein legales Download-Angebot.", so der Staatsanwalt. Köhler lies sich allerdings zu keiner Vermutung hinreißen, wie viele der 45.000 Benutzer mit einer Strafe zu rechnen haben. Allerdings räumte er ein, dass nicht alle Benutzer mit Konsequenzen zu rechnen haben.
Entgegen dieser Aussage verkündete die GVU, dass es vorerst genüge, die "Vertriebsstrukturen zu zerschlagen". Eine Verfolgung aller 45.000 User hätte eine Überlastung des deutschen Justizsystems zur Folge, so dass ein Großteil der Benutzer wohl keine Strafe erwarten müsse. Allerdings könne es unter Umständen zu Präzedenzfällen kommen, wobei in diesem Falle sicherlich die Poweruser im Auge der Ermittler liegen werden.
Noch immer bereitete dem LKA Thüringen der Serverbetrieb Probleme ein. Die Brüder R. weigerten sich die Zugangsdaten für die Rechner preiszugeben und verhinderten somit eine schnelle Abschaltung. Gegen beide wurde bereits ein Haftbefehl erlassen. Auch Anwalt Syndikus wurde dem Haftrichter vorgeführt und wegen Verdunklungsgefahr ein Haftbefehl erlassen. Einzig und allein der 19-jährige Administrator wurde auf freien Fuß gesetzt.
24. September 2004
Aller Voraussicht nach sollen Bernhard Syndikus sowie die Brüder Daniel und Thomas R. heute aus der U-Haft entlassen werden. Eine Verdunklungsgefahr bestehe laut der Staatsanwaltschaft Mühlhausen seit der Auffindung eines Geldkoffers nicht mehr.
Anwalt Syndikus soll bislang kein klassisches Geständnis abgegeben haben. Auch die Brüder R. gaben bisher kein Geständnis ab, jedoch proklamierte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dirk Germerodt, dass ein "vehementes Bestreiten in keinem Falle vorliege". Die Brüder R. sollen nach einer 10-stündigen Vernehmung alle Zugangsdaten für FTPWelt.com veröffentlicht haben, so dass nun alle Server binnen kürzester Zeit heruntergefahren werden konnten.
Durch die Erträge des Koffers konnte die Staatsanwaltschaft bisher eine Summe von mehr als 600.000 Euro sicherstellen.
Der "vermutlich größte Schlag" ...
Nicht umsonst spricht die GVU von dem "vermutlich weltweit größten Schlag gegen kommerzielle Anbieter von Raubkopien". Allein zum jetzigen Zeitpunkt sollen mehr als eine Million Euro von den Konten der Betreiber abgebucht worden sein.
Es bleibt abzuwarten mit welchen Strafen die Betreiber von FTPWelt.com zu rechnen haben. Durchaus prekär ist die Situation für Syndikus, der als Wechsler der Front wohl einmal mehr für Gesprächsstoff um sich und seine Kanzlei gesorgt hat. Für 45.000 Internetuser bleibt allerdings vielmehr die Frage offen, was nun mit den Benutzern des Dienstes passieren wird. Sicherlich wird mit einer strafrechtlichen Verfolgung aller Benutzer nicht zu rechnen sein.
Interessant bleibt auch zu verfolgen, ob sich weitere Seiten auf Grund der FTPWelt-Razzia auflösen werden. Denn nicht nur dieser kommerzielle Dienst fühlte sich mit seinem Briefkastenunternehmen auf Tortola, der größten Insel der British Virgin Islands, sicher. Auch andere renommierte Seiten zu Tauschbörsen preisen im Impressum ihren Sitz im britischen Hoheitsgebiet an - und die ersten Seiten verschwinden bereits aus den tiefen Weiten des Internets.