Sebastian Thor Packend, verstörend, intensiv - Condemned 2 klimpert auf der vollen Klaviatur des Grauens, zieht euch in die erschreckenden Abgründe der menschlichen Seele und serviert ein Kampfsystem, das zu den besten seiner Art gehört. Solltet ihr schwache Nerven haben, weinerlich veranlagt oder einfach nahe am Wasser gebaut sein, dann lasst um Himmels Willen die Finger davon. Fans des Vorgängers hingegen frohlocken und klappern die Importhändler ab.
Wenn wabernde Schatten das grausame Tanzbein schwingen, wenn selbst kleinste Geräusche den Puls in lebensgefährliche Höhen jagen und der entspannte Couchabend in einen schweißtreibenden Höllenritt umschlägt, dann liegt nicht Super Mario im Laufwerk. Echte Männerunterhaltung gibt's dieser Tage wieder von Monolith. Condemned 2 packt zu, schüttelt euch durch und lässt euch verstört vor der Xbox 360 zurück. Versprochen!
Angespannt und vor Schweiß durchnässt umklammert meine Hand die Taschenlampe, die den bis in die letzte Ecke versifften Hotelraum mit einem fahlen Lichtkegel überzieht. Der Herzschlag wächst mit jedem Schritt, den meine bleiernen Füße über den knarrenden Dielenboden tun. Die Schatten werden zu grausamen Klauen, die nach mir greifen, mich aus diesem verstörenden Alptraum erlösen wollen. Was ist das? Keuchen. Flüstern. Winseln. Ich drehe mich um. Und erkenne nichts. Die Pumpe rast mittlerweile schon auf Windesflügeln. Da ist es schon wieder. Gellend, betäubend, intensiv. Was in drei Teufels Namen ist das? Ich drehe mich um und schaue in die blutunterlaufenden Augen einer entstellten Fratze. Sie holt aus. Schlägt nach mir. Und verpasst mir die volle Ladung. Ich taumele benommen zurück, während sie zum Sprung ansetzt und ihre Rohrzange blitzschnell gegen meinen Kopf krachen lässt. Ich schreie, schlage wild um mich und gerate ins Stolpern. Die Sicht verschwimmt, meine schlotternden Beine geben nach. Ich falle. Dunkelheit.
Auch im zweiten Teil schlüpft ihr wieder in die Rolle von Ethan Thomas.
Herrlich. So muss ein Horrortrip inszeniert werden. Subtil, eindringlich, langsam ansteigend, bevor euch das Entsetzen plötzlich an der Kehle
packt und die Furcht bis in die Haarspitzen pumpt. Condemned 2 wird euch die Gänsehaut in vielerlei Hinsicht auf den Arm jagen. Es gibt verdächtig lange Phasen der Ruhe, in denen euch allein die Aufmachung der Schauplätze den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Verdreckte Hotelflure mit langsam in sich zusammenfallenden Wänden; klaustrophobisch enge, in flackerndes Licht getauchte Gänge; geisterhafte Fabrikgebäude oder feucht-siffige Hinterhöfe - allein das Durchstreifen der Kulisse dürfte schreckhaften Naturen wie ein auf DVD gepresster Alptraum vorkommen.
Dann gehen die Entwickler einen Schritt weiter, erwecken die Schauplätze auch akustisch zum Leben, geben ihnen multiple Stimmen und lassen sie krächzen, knarren, wimmern oder stöhnen. Die unterschwellige, auf der Dunkelheit lastende Soundkulisse wird begleitet von plötzlichen Effekten, die unter die Haut gehen und jeden noch so harten Hund vor Schreck zusammenzucken lassen. Bevor sie euch schließlich die kalte Maske des Horrors vorhalten, legen sie geschickt platzierte inszenatorische Mausefallen aus, während sie eure Sinne langsam in ein Crescendo der Grausamkeit stürzen. Erst ist es nur ein ketzerisches Flüstern, dann knallt plötzlich eine Tür, aus der Ecke dringt ein verräterisches Geräusch oder eine nur noch schemenhaft erkennbare Person rennt durchs Bild, sobald man einen Raum betritt.
Das Kampfsystem ist unheimlich intensiv. Nur wer seine Schläge genau timt und zur rechten Zeit blockt, hat eine Chance.
Dieses dreiteilige Geflecht, dieses Terzett des subtilen Nervenkitzels, das so lange geschickt mit Andeutungen spielt, übt eine morbide Faszination aus. Ich kenne viele vergleichbare Szenarien, habe schon oft zitternd das Gamepad umklammert. Das Ocean House aus Vampire: Bloodlines, die Himoru-Villa aus Project Zero, der Armacham-Komplex aus F.E.A.R. oder das lebende Herrenhaus eines Eternal Darkness stellen nur eine kleine Auswahl dar. Und auch Condemned 2 reiht sich ohne Probleme in die Riege der Herzschrittmacher verzehrenden Konsolenerfahrungen ein. Gerade zu dem Zeitpunkt, wo der Pulsschlag die 200er-Grenze durchbricht und die Atmung fast ihren Dienst quittiert, personifiziert Monolith die Bedrohung und zeigt ihre ungeschminkte Fratze in all ihrer grässlichen Pracht. Ehe man die über Minuten hinweg angestaute Angst in einem die Nachbarn aus dem Tiefschlaf reißenden Schrei entladen kann, wird die bislang angedeutete Gefahr plötzlich greifbar.
Denn inmitten dieses stinkenden Molochs gibt es Leben. Es sind degenerierte, winselnde, seelisch und körperlich dekadente Kreaturen, die aus ihren Löchern kriechen. Irgendwo unter ihrem ausgezehrten und leichenblassen Teint verstecken sich die Menschen, die sie einst waren. Kollabierende Drogenopfer, von blutigen Hautresten und hervorstehenden Knochen gezeichnete Freaks oder vernarbte Schläger machen euch das Leben wahrlich zur Hölle. Einige von ihren tragen Tiermasken, einige nur eine fleckige Unterhose, anderen fehlt der halbe Unterkiefer. Monolith klimpert hier mit Bravour auf der Klaviatur des Grauens, führt euch gnadenlos die menschliche Verkommenheit vor Augen und mischt das Ganze mit leicht surrealen Feindbildern, ohne jedoch zu weit abzudriften. Gemeinsam haben sie alle den Willen zu überleben, was in einem der intensivsten Kampfsysteme der letzten Jahre gipfelt.