Ihr seid auf einer Insel gestrandet und eure ersten Gedanken kreisen darum, euer Make-up aufzufrischen, um die Einheimischen nicht zu erschrecken? Dann seid ihr entweder blöd oder blond. Oder ihr spielt den neuen Adventure-Titel von Wizarbox.
Zerzaustes Haar und verlaufener Lidschatten gehören nämlich zu euren ersten Gedanken, als ihr in der Haut von Sunny Blonde an einem einsamen Strand erwacht. Als 17-jährige Dame aus gutem Haus muss man eben Prioritäten setzen. Wen wundert's, denn natürlich entspringt das üppig ausgestatte Blondchen einem Männerhirn. Steve Ince, preigekrönter Autor von Baphomets Fluch, habt ihr die durchgeknallte Story zu verdanken.

Obwohl Sunny ziemlich verwöhnt ist, kommt sie sehr sympathisch rüber.
Nachdem ihr dieses erste Problem mit Hilfe eurer zahlreichen Schminkutensilien gelöst habt, bleibt aber keine Zeit zum Abschalten und Sonnenbaden. Ihr habt schließlich gerade Schiffbruch erlitten und müsst Kontakt zu euren Eltern aufnehmen. Die sind ja auch indirekt für den ganzen Schlamassel verantwortlich. Viel lieber wärt ihr mit Kimberly und euren Freunden nach Cancún gefahren, anstatt den Hochzeitstag von Frau Mama und Herrn Papa mit einer gemeinsamen Kreuzfahrt zu feiern. Für den Blitz, der in das Schiff einschlug und euren Freund Brad so erschreckte, dass er euch in seiner Panik über Bord gestoßen hat, können sie allerdings auch nichts. Weil das Handy ohne Netz keine große Hilfe ist, macht sich Sunny also frohen Mutes auf die Suche nach dem nächsten Hotel. Ein tropisches Inselparadies ohne 5-Sterne-Ressort ist für die Gute einfach nicht vorstellbar. Begleitet wird sie dabei mehr oder weniger von Max, dem niedlichen, kleinen...Otter? Sunny weiß es nicht und ich gebe zu: ich auch nicht. Das anhängliche Viech taucht aber immer wieder zur rechten Zeit auf, um ihr aus der Patsche zu helfen, denn die "Vergessene Insel" umgibt mehr als ein Mysterium, das sich im Laufe des Spiels offenbart. So werdet ihr auf dem verfluchten Eiland auf streitbare Piraten, ominöse Voodoo-Priester und einen gefürchteten Tyrannen stoßen.
Zur Erinnerung: es geht immer noch um So Blonde und nicht um Monkey Island. Die Parallelen sind aber so unübersehbar, dass man von einer eindeutigen Hommage an das große Vorbild aus dem Hause LucasArts sprechen kann. Das fängt bei den sympathisch trotteligen, aber liebenswürdigen Hauptcharakteren an und endet bei vielen kleinen Details, die gar nicht alle aufzuzählen sind. Wer jetzt befürchtet, ein aufgewärmtes Plagiat vorgesetzt zu bekommen, den kann ich beruhigen - ganz im Gegenteil. Es macht eine Menge Spaß, die Andeutungen und Überschneidungen zu suchen und zu finden. Neben Monkey Island werden nämlich auch andere Spiele und Filme der letzten Jahre verulkt. Eine Wache, die euch mit den Worten "Du kannst nicht vorbei!" aufhält, bekommt von Sunny zu hören, sie wäre doch kein Balrog. Versucht ihr ein Grab auszuheben, meint das Mädel, dass zum Leichenfleddern wohl eher WoW geeignet wäre und eine Kolumbus-Statue mit nur einem Bein entlockt ihr den Spruch, dass der Entdecker Amerikas ja zwei Beine hatte - zumindest im Film mit dem dicken französischen Schauspieler (Gérard Depardieu).
Das heißt aber nicht, dass So Blonde keine eigenen Akzente setzen

könnte. Da wäre zum einen die farbenfrohe Pastellgrafik. Der Comic-Look aus gemalten und detailverliebten Hintergründen sowie Cel-Shading-Charakteren kann wahrlich bezaubern. Es ist schön anzuschauen, wie harmonisch beide Techniken vereint wurden. Zum anderen gibt es kleine Minispiele, die ab und an gelöst werden müssen, um weiterzukommen. Wer mit dieser Art Auflockerung nichts anzufangen weiß, der kann sie auch bedenkenlos überspringen. Allerdings verpasst ihr dann die Momente, in denen das Spiel sich selbst nicht ernst nimmt. So müsst ihr zum Beispiel in der Rolle von Max mit einer Angel den Zellenschlüssel aus einem Klo herausfischen, während einer der Piraten seinem (stinkenden) Geschäft nachgeht. Ein anderes Mal geht es beim "Strip-Armdrücken" darum, die linke und rechte Pfeiltaste abwechselnd so schnell wie möglich zu betätigen. Nachdem ich beim ersten Versuch souverän siege und der mir gegenüber sitzende muskelbepackte Gorilla seine Bandana abnimmt, um mir seine Glatze zu präsentieren, frage ich mich plötzlich, ob es sich wirklich lohnt zu gewinnen. Also verliere ich die nächsten Runden, nur um mich daran zu erfreuen, wie Sunny sich immer mehr windet. Zu sehen gibt es zwar nichts, aber der lüsterne Blick des einsamen Piraten und die gequälte, ausweichende Stimme von Miss Hochnäsig sind spaßig genug.

Die Hintergründe sind herrlich gezeichnet und bieten viele Details zum Erkunden.
Wieder einmal zeigt sich, dass sich die Investition in ordentliche Sprecher lohnt. Nicht nur Gabrielle Pietermann als Sunny und Christine Pappert, die Carrie aus "King of Queens" ihre Stimme leiht und auch in Ankh bereits zu hören war, leisten hervorragende Arbeit. Auch die deutschen Synchronstimmen von Doug und Arthur aus derselben Serie sind mit von der Partie. Das ändert aber nichts daran, dass nicht jeder Witz immer zündet und manche Aussagen nach einer Weile schlicht langweilig werden. Wenn Sunny euch bei jedem dritten Objekt, das sie begutachtet, erklärt, was Freundin Kimberly oder ihre Mutter dazu sagen würden, dann fragt man sich unwillkürlich, ob man da nicht noch ein wenig Arbeit in die Texte hätte stecken sollen. Insgesamt ist So Blonde auch kein Spiel, bei dem ihr euch vor Lachen kringeln werdet, aber an vielen Stellen musste ich zumindest schmunzeln.
Gar nicht zum Lachen ist der knackige Schwierigkeitsgrad. Die Rätsel sind zwar selten unfair oder unlogisch, aber mit jeder neuen Location erweitert sich die Spielwelt, in der ihr euch bewegen könnt. Das bedeutet: wenn ihr tatsächlich einmal nicht weiter wisst, dann müsst ihr wohl oder übel alle Locations erneut abklappern und euer ständig wachsendes Inventar mit den zugänglichen Objekten kombinieren. Durch die Vielzahl der teilweise sehr kleinen Hotspots wird das Problem noch verschärft. Ständig muss ich mich fragen, ob ich jetzt vielleicht irgendwo etwas übersehen habe und der Spielfluss kommt während der folgenden Pixeljagd zum Erliegen. Dazu gesellen sich überaus unschöne Ladezeiten beim Ortswechsel. Dass euch das Spiel dann auch praktisch allein lässt, ist demotivierend, wenn ihr den Anspruch habt, ohne Komplettlösung zum Ziel zu kommen. Manchmal werdet ihr vor lauter Suchen vergessen, was ihr eigentlich tun sollt. Die NPCs sind in diesem Fall auch keine große Hilfe und reagieren komplett unterschiedlich. Während die einen alles brav wiederholen, was sie euch schon mal erzählt haben, lassen sich andere gar nicht mehr anklicken. Besonders wenn ihr einen Spielstand ladet, fällt das Problem ins Auge. Nachdem ich mich ein paar Stunden mit anderen Dingen beschäftigt habe, komme ich mir auf der Insel tatsächlich völlig verloren vor.

Die erstklassige Sprachausgabe wird durch kleine Bildchen neben dem Text unterstützt.
Wenn man dann noch bedenkt, dass es ein paar kleinere Logikfehler gibt - so kann Sunny beispielsweise durch einen bloßen Blick erkennen, dass eine Schublade verschlossen ist - dann beschleicht mich das Gefühl, dass zum Release hin die Zeit knapp wurde. Dennoch ist der Titel insgesamt für Adventurefreunde einen Blick wert und für Monkey Island-Fans ein Muss.