Was bietet sich eher für ein Adventure an als eine Schatzsuche? Das fragte sich Radon Labs wohl auch und nahm sich "Die Schatzinsel" zur Brust. Die Frage, ob Treasure Island dem Klassiker gerecht werden kann, klären wir im Review.
Die Faszination von Piraten scheint ungebrochen. So buhlen derzeit unter anderem Bounty Bay Online, Pirates of the Burning Sea und Pirates of the Caribbean Online um das Freibeuterherz. Auch abseits der MMOGs regen Seeräuber die Fantasie an. Ganz besonders natürlich, wenn es sich um weltbekannte Vertreter ihrer Zunft handelt. Treasure Island - die Computerspieladaption von Robert Lewis Stevensons Roman "Die Schatzinsel" - kann da natürlich schwere Geschütze auffahren.

Kurz vor dem Ablegen aus Bristol werden die Vorräte verstaut und die Lage erörtert.

Der Jüngling Jim Hawkins betreibt im englischen Bristol das Gasthaus "Admiral Benbow". Sein beschauliches Leben nimmt jedoch eine dramatische Wendung, als William "Bill" Bones das väterliche Lokal betritt. Der Pirat ist auf der Flucht und versucht seine Furcht im Alkohol zu ertränken. Er hat auch allen Grund zur Angst - hat er doch die Kameraden um eine Schatzkarte erleichtert, die einen mutigen Glücksritter zu den sagenumwobenen Reichtümern Kapitän Flints führen kann. Seine Gier bezahlt er letztendlich mit dem Leben und auch ihr, in der Haut des guten Jim, entkommt der Piratenmeute nur mit Müh und Not. Die Schatzkarte allerdings konnte Jim noch an sich reißen, um sich nun - vom Goldfieber gepackt - Hals über Kopf ins Abenteuer zu stürzen. Zunächst einmal braucht ihr natürlich ein Schiff und eine verlässliche Crew, die ihr euch in Bristol nach einigen zu meisternden Schwierigkeiten zusammenstellen könnt, um dann mit der "Hispaniola" in See zu stechen. Zusammen mit Long John Silver und Kapitain Smollet müsst ihr nämlich der Schatzinsel einen Besuch abstatten.
Treasure Island wagt keine Experimente und wandelt - sowohl spielerisch als auch in Bezug auf die Geschichte - auf sicheren Pfaden. Das klassische Adventure bleibt nah an der Romanvorlage und sichert sich so die ersten Pluspunkte. Aus der dritten Person heraus steuert ihr Jim unkompliziert und intuitiv mit der Maus, um mit Leuten zu sprechen und Gegenstände mitzunehmen, zu untersuchen und zu kombinieren. Dabei steht euch am unteren Bildschirmrand ein einfaches Inventar zur Verfügung, das sich jederzeit aufklappt, sobald man mit dem Mauszeiger darüber fährt. Ein Klick auf den Boden zeigt dem Pirat in spe, wohin er sich zu bewegen hat. Habt ihr es ganz eilig, könnt ihr euch mit einem Doppelklick zum Ausgang in den jeweils nächsten Raum beamen. Sollte euch vor lauter Abenteuerfieber die gerade anstehende Aufgabe mal entfallen sein, so bietet sich ein Blick ins Tagebuch an, das euch dezent einen kleinen Schubs in die richtige Richtung gibt. Dies ist aber eigentlich gar nicht nötig, denn die

Aufgabenstellungen sind allesamt eindeutig. Treasure Island versucht nicht, euch mit falschen Hinweisen oder ominösen Gegenständen in die Irre zu führen. Die Rätsel sind durchweg lösbar und hervorragend ins Spiel integriert. Da müsst ihr z.B. ein paar Kinder davon überzeugen, dass ihr ein echter Pirat seid und die "Piratenprüfung" meistern. Habt ihr das Quiz mit Bravour bestanden, gibt's einen von zwei Würfeln, die ihr braucht, um die Glückssträhne eines potentiellen Mitglieds eurer Mannschaft zu beenden. Der Halunke betrügt nämlich beim Würfelspiel in der lokalen Taverne und reagiert plötzlich viel aufgeschlossener auf den Vorschlag, auf eurem Schiff anzuheuern, nachdem ihr den Schwindel aufgedeckt habt und ein paar betrogene Halsabschneider ihm gerne den Garaus machen wollen. Alles wirkt erfrischend glaubwürdig und bereits nach kurzer Zeit könnt ihr ganz in der toll erzählten Story versinken. Dabei helfen auch kleine aber feine Zwischensequenzen, die allesamt in Spielgrafik realisiert wurden. Nehmt ihr z.B. aus dem Stadtzentrum heraus den Weg zum Hafen, schwenkt die Kamera erst mal kurz über die Dächer der Stadt, damit ihr die majestätischen Silhouette der vor Anker liegenden Hispaniola sehen könnt.

Die Hispaniola bringt euch zur Schatzinsel. Das Schiff ist ein wahres Prachtstück.

Visuell braucht sich Treasure Island beim besten Willen nicht zu verstecken. Die Schatzsuche wird mit so viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt, dass man viele Effekte gar nicht mehr wahrnimmt, da sie in der komplexen Komposition untergehen. So kreisen Möwen um die Klippen eurer Heimat und Matrosen sowie Bürger gehen beschäftigt ihren Tätigkeiten nach. Da gibt es lodernde Kerzen oder verqualmte Bars in der Stadt und Gischt am
Bug des Schiffes, während es sich seinen Weg durch die glitzernden Wellen bahnt. Seid ihr unter Deck, werdet ihr bemerken, wie alles leicht auf- und abwippt und sich auch die Schatten der durch das Lüftungsgitter fallenden Sonnenstrahlen durch den Seegang verändern. Geht ihr in eure Kabine, seht ihr winzige Schwebteilchen, die sich im hereinfallenden Licht des Fensters brechen. All diese kleinen Details machen das Spiel zu einem echten Erlebnis. Auch die Kamera passt sich euren Bewegungen an und schwenkt mit. Das funktioniert meist sehr gut, allerdings wird es in den Momenten unübersichtlich, wenn ihr in Richtung Kamera gehen müsst. Will man nämlich auf den unteren Rand des Bildschirms klicken, kann man auch mal schnell das Inventar erwischen. Einen Kritikpunkt muss sich die Grafik aber gefallen lassen - die Mundbewegungen wirken teilweise, als würde ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappen. Das fällt allerdings kaum auf, da man sich ohnehin auf die Untertitel am oberen Rand konzentriert. Ein Schelm, wer hier Absicht vermutet, denn deaktivieren lassen sich diese nicht - und das obwohl sie eigentlich gar nicht notwendig sind. Die Synchronisation ist jedenfalls gut verständlich und besonders bei den Hauptcharakteren Jim Hawkins und Antoinette Trelawny überaus passend. Auch die übrige Sprecherriege versteht offensichtlich ihr Handwerk. Musikalisch gibt es je nach Kapitel und Situation unterschiedliche Orchesterstücke zu hören, die unaufdringlich die jeweilige Atmosphäre gekonnt unterstreichen. Auch die Soundeffekte wirken nur unterschwellig. Das Knarren der Schiffsplanken nimmt man so selbstverständlich hin wie das Rauschen des Meeres und das Kreischen der Möwen.

Auch in der Nähe besticht die Optik. Die flüssigen Animationen sind gelungen - lediglich an der Lippensynchronität hapert es.

Leider ist der ganze Spaß viel zu schnell vorbei. Die sechs Kapitel können geübte Adventure-Fans binnen kurzer Zeit durchspielen. Bei eingeschalteter Hotspot-Hilfe reicht dafür sogar eine einzige durchzockte Nacht. Wer sich daran nicht stört, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren.