Alexander Glup Als Fan von Verschwörungstheorien und Myterystorys ist eXperience112 ein absoluter Toptitel. Gruselige Stimmung und innovatives Gameplay lassen die Konkurrenten hinter sich. Leider gibt es aber doch Haare in der Suppe, die das Spiel rasiermesserscharf an einer außergewöhnlichen Wertung vorbeischrammen lassen.
Im Preview haben wir das mysteriöse Adventure als "Geheimtipp!" eingestuft. Wird das Spiel diesen Anforderungen gerecht und ist es tatsächlich so innovativ wie wir es genannt haben? Wir haben uns nochmals auf den Kahn des Schreckens getraut und verraten euch, ob alle Vorschusslorbeeren gerechtfertigt waren.
Es gibt zwei Arten von Adventures in der heutigen Zeit. Die erste Fraktion ist im typischen Point´n´Click-Stil gehalten, wobei der Hauptprotagonist per Mauszeiger von Pontius zu Pilatus geschickt wird. Auf Klick sammelt er oder sie Gegenstände auf und durch munteres Herumprobieren wird ein Gegenstand mit dem anderen kombiniert. Dann wären da noch die Action-Adventures: Dort trefft ihr in einer zumeist schönen 3D-Landschaft auf leichte Rätselelemente mit wenig Anspruch. Manchmal wird man noch durch kleine Minispielchen gequält, die eher die Daumen als das Gehirn anstrengen. Ganz ehrlich, vergesst diesen ganzen Mist! Heute werden Lichter angeschaltet und Kameras bewegt, denn eXperience112 ist da. Indirekte Steuerung ist das Zauberwort, zwei Hauptprotagonisten haben ins Spiel gefunden. Zum einen wäre da Lea, die etwas meschugge auf einem rostigen Ozeanriesen erwacht, angeschlossen an einen Tropf mit unbekannter Flüssigkeit und ohne Gedächtnis. Zum anderen werdet ihr selbst Darsteller des morbiden Spiels um die Wahrheit. Ihr dürft fleißig alle elektrischen und teilweise mechanischen Sachen an Bord des Dampfers manipulieren.
Was ist hier wohl passiert, langsam kommen Lea und der Spieler hinter die Geheimnisse des verrosteten Kahns.
In der Praxis äußert sich das Zusammenspiel zwischen euch und der Person auf dem Bildschirm folgendermaßen: möchtet ihr beispielsweise, dass sich Lea zu einem bestimmten Ort bewegt, schaltet ihr einfach das Licht, einen Computer, Lautsprecher oder ähnliches an. Wie ein kleines Hündchen watschelt Lea dann an den Ort von Interesse und gibt den einen oder anderen Kommentar von sich. Liegt etwas Wichtiges auf dem Tisch, Boden oder in einem Schrank, steckt sie es ein und wendet es später logisch mit der Umgebung an. Sofern ihr bereits einen passenden Ort in der Vergangenheit aufgesucht hat, verrät Lea euch sogar - sofern es ihr denn in den Kram passt - wo sie als nächstes hin muss. Lustig an
dieser Verbindung zwischen euch und Lea: Am Anfang vertraut euch das Mädel noch nicht. Vielleicht seid ihr ja es gewesen, der sie in diese Situation gebracht hat...
Gesundes Misstrauen ist ein gutes, profanes Mittel und sicherlich auch nicht ganz unangebracht. Die Story wird mithilfe von Flashbacks erzählt - die Kultserie Lost lässt grüßen. An manchen Orten wird Lea von Visionen übermannt - entweder in Form von Stimmen oder auch bewegten Bildern, die ihr durch den Kopf spuken. In den Rückblenden wird die Geschichte vor dem Ereignis erklärt - was auch immer es gewesen sein mag. Nach und nach sieht Lea ein, dass sie euch vertrauen muss und gewährt auf zweierlei Arten Zugang zu ihrem Wissen. Zum einen verrät sie euch storyrelevante Inhalte im Dialog, auf der anderen Seite dürft ihr fleißig euren heimischen PC benutzen und euch in die Wissensdatenbank einloggen.
Das Interface erinnert entfernt an Windows und ist ähnlich einfach zu bedienen. Auf der linken Seite des Monitors ist ein Menü, das ihr jederzeit ein- und ausblenden könnt. Hierüber erreicht ihr die persönlichen E-Mails und Dateien der Mitarbeiter, sofern Lea euch Benutzernamen und Kennwort gegeben hat. Über die praktische Karte lässt sich die Elektronik des verrosteten Kahns steuern. Klickt ihr auf eine der Kameradarstellungen des virtuellen Faltblatts, öffnet sich ein neues Fenster. Per Drag´n´Drop werden die Kamerafenster hin- und hergeschoben, woraus verschiedene Einstellungsmodi hervorgehen. Zu Beginn ist es nur möglich, den surrenden Apparat von links nach rechts und von oben nach unten zu bewegen. Später findet Lea Plug-Ins und ihr aktiviert auf Knopfdruck den voyeuristischen Zoom oder den erhellenden Restlichtverstärker.
Immer die Übersicht behalten, mit bis zu drei Kameras behaltet ihr die Umgebung im Auge.
So spannend die Story und so innovativ das Spielkonzept, so eintönig sind die Rätsel. Finde ein Passwort für die Tür, eine Codekarte für einen Schott oder einen bestimmten Gegenstand, um irgendetwas damit zu tun. Licht ein, Licht aus, eine Kamera hier aktiviert, eine Linse dort scharf gestellt. Die Rätsel sind stellenweise nur fordernd, weil der schwimmende Schrotthaufen so groß ist und so viele eiserne Türen verschlossen sind. Die ersten zwei Stunden verbringt ihr damit, erst einmal das schwimmende Grab kennen zu lernen - leider passiert in dieser Zeit wenig bis gar nichts. Schade, hätten doch ein paar mehr Orte mit Flashbacks und bissigen Kommentaren der Hauptdarstellerin ausgestattet werden können. Außerdem ist Lea nicht unbedingt die sportlichste Persönlichkeit, bewegt sie sich doch mit einer erstaunlichen Langsamkeit über Bord. Da wünscht man ihr doch glatt ein paar Elektroschocks an den Hals, damit sie endlich die Beine in die Hand nimmt.
Verrostete Wandtexturen, Nebelschwaden in der Kantine, Licht durchbricht die Dunkelheit und wirft gruselige Schatten - grafisch macht das Spiel eine wirklich gute Figur. Mit den Qualitäten eines nagelneuen Shooters dürft ihr es natürlich nicht vergleichen, immerhin handelt es sich hier um ein Adventure. Aber was hier durch die Datenkabel auf den Bildschirm wandert, kann sich durchaus sehen lassen und ist für Genre-Verhältnisse mehr als hübsch. Die dunklen Bilder auf dem Flachmann werden durch die düsten Töne noch übertroffen. Die Kiste des Horrors wird geöffnet, leise schlagen die Wellen gegen den Bug des Schiffs, der modrige Fußboden knarrt unter Leas Fußtritten und sirrende Musik, die einen - im positiven Sinn - zum Wahnsinn treibt, klingt aus den rechteckigen Krachmachern. Unverbraucht, bekannt und professionell - so lässt sich Leas Synchronsprecherin am besten beschreiben. Passend zu den unverhohlenen und gut geklauten Flashbacks aus der Fernsehserie Lost hat der Publisher Ranja Bonalana verpflichtet, die Kate Austin in der kultigen TV-Sendung spricht.