Sven "cobra79" Hollunder Ich hatte mit Sunrise so viel Spaß, dass es mir tatsächlich schwer fällt, die kleinen Defizite auch zu benennen. Ja, ihr müsst viel herumlaufen; ja, die Rätsel sind sehr leicht und auch nicht jeder Gag zündet immer, aber insgesamt kann mich das Spiel bis spät in die Nacht vor den Monitor fesseln. Die gesamte Aufmachung, getragen von der überragenden Synchronisation, lässt euch tief in die Story eintauchen und mit Rydec & Co. mitfiebern.
Sunrise - The Game hinterließ im Preview einen sehr guten Ersteindruck. Ob auch die finale Version des Adventures die Lachmuskeln strapazieren kann, erfahrt ihr im Review.
Manhattan/New York - Junggesellen-Trio verwirklicht Menschheitstraum! So oder so ähnlich hätten die Schlagzeilen der Weltpresse lauten können. So oder so ähnlich haben sich das Ray "Rydec" Decker, Maxwell "Max" Spencer und Brian Harper auch vorgestellt. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Anstatt in einem revolutionären Experiment die Möglichkeit, Materie zu beamen, unter Beweis zu stellen, produzieren sie nur einen großen Knall. Aus ist er - der Traum vom Nobelpreis. Neben ein paar Schrammen, einer zerlegten High-Tech-Apparatur und angeknacksten Egos haben die gebürtigen Brooklyner aber noch ganz andere Sorgen. Ein Blick vom Dach des Lofts lässt nichts Gutes erahnen. Der Big Apple ist menschenleer, Manhattan wirkt wie ausgestorben und zu allem Überfluss geht auch die Sonne nicht mehr auf. Irgendwas ist mächtig schief gelaufen und nun ist es eure Aufgabe, der Sache auf den Grund zu gehen und alles wieder ins rechte Lot zu rücken.
Zu allen Gegenständen hat Rydec den passenden Spruch auf den Lippen und obwohl es viel zu entdecken gibt, werdet ihr nie überfordert.
Bevor ihr euch jedoch in Person von Rydec an die Aufklärung des Mysteriums machen könnt, gibt es zunächst ein paar akutere Probleme zu lösen. Da wäre zum Beispiel die bewusstlose Frau vor der Haustür, die ihr nicht einfach im Dauerregen liegen lassen könnt. Da ihr keine Decke zur Hand habt und euch der Anstand verbietet, die durchnässte Dame einfach zu entkleiden, bastelt ihr aus einem Gebläse und einem Mikrowellengrill einen Heizlüfter - McGuyver wäre stolz auf euch. Auch sonst bleibt die ganze Arbeit immer an Rydec hängen. Frauenkenner und Möchtegern-Macho Max hat es nicht so mit Arbeit und lässt lieber flotte Sprüche vom Stapel, während Brian, seines Zeichens Schlaumeier und Computerfreak, sich nicht mit banalen Dingen abgibt.
Es bleibt euch also nichts anderes übrig, als allein durch die einsamen Straßen der amerikanischen Metropole zu ziehen, um z.B. Lebensmittel für die Truppe zu besorgen oder entgegen eurer Natur ein Auto zu klauen. Zumindest aber auf euer Multitool, ein handliches Kombi-Werkzeug aus Messer, Schraubenzieher und Zange, ist Verlass. Dieser kleine Alleskönner ist auch das Einzige, was ihr beständig bei euch tragt. Anders als im Genre üblich, schleppt ihr nämlich nicht jeden Mist mit euch herum. Sieht Rydec keinen Sinn darin, einen Eimer Wasser mitzunehmen, dann wird er dies solange
nicht tun, bis die Situation es erfordert. Den Versuch, ihn irgendwie zu überreden, solltet ihr euch aber dennoch nicht entgehen lassen, denn die Sprüche des Guten sind einfach zu köstlich. Diese konsequente Haltung hat natürlich Auswirkungen auf das gesamte Spiel.
So benötigt Sunrise keine Inventarleiste, denn mehr als das, was ihr gerade braucht, habt ihr eh nie dabei. Gerade am Anfang ist die Steuerung deshalb für alte Adventure-Füchse ein wenig gewöhnungsbedürftig, entpuppt sich aber sehr schnell als gut durchdacht. Über die linke Maustaste kann Rydec sowohl in Bewegung gesetzt werden als auch mit seiner Umwelt interagieren. Habt ihr das passende Equipment für die Lösung eines Rätsels parat, dann erfolgt die Kombination automatisch. Ein Klick auf das entsprechende Objekt genügt. Die Dialoge, auf die ihr keinen Einfluss habt, werden so ebenfalls eingeleitet. Mit einem Doppelklick auf den Ausgang einer Location springt ihr direkt in den nächsten Raum.
Im späteren Verlauf werdet ihr dieses Feature nicht mehr missen wollen, denn abgesehen davon, dass die Laufwege recht lang geraten sind, resultiert Rydecs prinzipientreue Haltung auch darin, dass beständiges Hin- und Herlaufen auf der Tagesordnung steht.
Die statischen Hintergründe werden durch dezente Effekte aufgepeppt. Regentropfen, flackernde Leuchtreklame und zuckende Blitze lassen selbst die verlassene Welt sehr lebendig wirken.
Dass Sunrise sehr linear aufgebaut ist, wurde gut kaschiert. Zum einen sind die Rätsel so einfach gehalten, dass man eigentlich nie ins Stocken gerät und zum anderen gibt es immer wieder kleine Cut-Scenes, die das Spielgeschehen auflockern. Teilweise unterschiedliche Lösungswege und eine sehr gute Hilfefunktion machen das Spiel gerade für Anfänger interessant und sorgen dafür, dass man die hervorragend präsentierte Story nie aus den Augen verliert. Ausgebuffte Knobelexperten könnten sich allerdings leicht unterfordert fühlen.
Grafisch bietet Sunrise vor allem detailverliebte Hintergründe, die sich an den authentischen New Yorker Schauplätzen orientieren. Die verlassene Großstadt mitsamt ihren Autos, Geschäften, Wohnungen und ihrem Müll ist sofort als solche erkennbar. Dezent wurden kleine Animationen wie Regentropfen, Ampelphasen und vom Wind aufgepeitschtes Wasser eingefügt, sodass die Welt tatsächlich verlassen und nicht etwa kahl oder steril wirkt. Obwohl man oft völlig alleine umherstreift, hat man das Gefühl, dass noch vor ein paar Augenblicken hier das Leben pulsierte. Die Animationen der Charaktere sind leider nicht ganz so gut gelungen. Vor allem an der Mimik hapert es. Ein stechender Blick und übertriebene Mundbewegungen lassen alle Akteure irgendwie unnatürlich aussehen. Dazu kommen die ausladenden Bewegungen des Körpers, die einen gummiartigen Eindruck hinterlassen. Dennoch sind die Personen charmant und liebenswert. Das liegt vor allem an der herausragenden Synchronisation. Da hat man sich wahrlich nicht lumpen lassen und echte Profis an Bord geholt. Die deutschen Stimmen der Hollywoodgrößen Edward Norton, Wesley Snipes und Kate Winslet sind einfach nur klasse.
Das Ergebnis spricht für sich - absolut lebendig wirkende Charaktere, die sich durch viel Humor und Elan auszeichnen. Die angebotene Möglichkeit, die Dialoge über das Optionsmenü einzuschränken, sollte man daher keinesfalls in Anspruch nehmen. Wem die flapsige Art nicht gefällt, der wird auch mit gekürzten Gesprächen nicht glücklich werden und sollte ohnehin einen Bogen um Sunrise machen. Alle anderen würden sich unnötiger Weise einen essentiellen Teil des Spiels vorenthalten. Sollte es denn notwendig sein, kann man die Dialoge auch jederzeit überspringen, wobei man tunlichst darauf achten sollte, keine wichtigen Informationen zu hastig wegzuklicken, denn wiederholen will sich im Spiel eigentlich niemand. Akustisch gibt es vor allem Soundeffekte wie Schritte, Regenprasseln und Donnergrollen zu hören. Letzteres kündigt sich optisch sehenswert an, wenn Blitze kurz vorher die Räume erhellen. Musik wird zwar nur im Startmenü geboten, aber beim Spielen auch nicht vermisst. Zu sehr wird euch die Geschichte in Ihren Bann ziehen.