Still, heimlich und ohne viel Tamtam entsteht bei Radon Labs ein echter Geheimtipp des Adventure-Genres. Wir waren bei den Entwicklern und haben einen ersten Blick auf Treasure Island geworfen. Warum es der wohl schönste Vertreter seiner Zunft ist, verraten wir euch gern.
Auch wenn wir beide Augen in nostalgischer Blindheit zudrücken, uns die rosarote Brille auf die Nase pflanzen oder vor lauter Genre-Verliebtheit an all die durchgrübelten Nächte zurückdenken, müssen wir uns eingestehen, dass die Grafik nie des Adventures heimliche Gespielin war. Anstatt sie zart säuselnd in den Arm zu nehmen, brannte es mit ihrer älteren und wesentlich reiferen Schwester namens Rätseldesign durch - die inneren Werte eben.

Die Gespräche laufen im typischen Multiple-Choice-Verfahren ab. Kameraschwenks lassen die Szene filmreifer wirken.

Und so gingen sich die beiden jahrelang aus dem Weg, würdigten sich kaum eines Blickes und ließen auf unterschiedlichen Hochzeiten die Korken knallen. Bis zu dieser einen Nacht: Da sprangen sie plötzlich voll süßer Ekstase in die notdürftig zusammengehaltene Kiste

und wirbelten ihre Hormone durcheinander. Als Sprössling ging ein Spiel namens Treasure Island aus dieser heißen Liebesnacht hervor.
Die Entwickler Radon Labs konnten praktischerweise gleich die hauseigene Nebula-Engine (DSA: Drakensang) nutzen, um das Ganze mit technischen Finessen, vielen kleinen und großen Details zu versehen. Kellergewölbe werden bloß durch den fahlen Lichtschein einer Kerze erhellt, der für einen dynamischen Schattenwurf sämtlicher 3D-Objekte sorgt. Wände sind mit plastisch wirkenden Furchen übersät, die Hemden der Charaktere weisen sichtbare Falten auf. Durch kleine Risse in der hölzernen Decke dringen zaghafte Lichtstrahlen in den Raum, partikelfeiner Nebel wabert vor dem Fenster. Jaja, Shooter-Fans kratzen sich müde am Kopf und fragen sich, was daran neu sein soll. Aber angesichts der leider noch sehr oft statisch anmutenden Hintergründe, die man im Adventure-Genre zu Gesicht bekommt, fallen diese technischen Feinheiten natürlich sofort ins Auge.

In einer schummrigen Spelunke müsst ihr den netten Herren links des Glücksspiels überführen.

Die Entwickler wollen den Genregrößen jedoch nicht nur auf optischer Seite Paroli bieten. Auch inhaltlich soll sich Treasure Island von der Sonnenseite präsentieren. Als Grundgerüst für die Hintergrundstory dient der bekannte Abenteuerroman "Die Schatzinsel" von Robert L. Stevenson. Ihr lenkt die Geschicke des 17-jährigen Jim Hawkins, der - getreu der Vorlage - in den Besitz einer Schatzkarte gelangt, nicht lange fackelt und sich prompt auf den Weg macht, um der Sache auf den Grund zu gehen. Mit dabei sind natürlich bekannte Charaktere wie Long John Silver oder Israel Hands. Obwohl sich das Spiel weitgehend an die Handlung des Schmökers hält, haben die Entwickler hier und da ein paar Anpassungen vorgenommen, die für das Rätseldesign vonnöten waren. Interessantes Detail am Rande: Heiko Löffler, der schon als Autor an Spielen wie Jack Keane, Kingdom Hearts oder Ankh mitarbeitete, hat auch hier seine Finger im Spiel.
Die insgesamt sechs Kapitel führen euch an die unterschiedlichsten Schauplätze, die allesamt mit viel Auge für Kleinigkeiten designt wurden. Schon der Einstieg ist in Sachen Detailverliebtheit ein starker: Jim kniet am Grab seines verstorbenen Vaters, Möwen umkreisen den Friedhof an den Klippen und kreischen mit schriller Kehle in den Sonnenuntergang. Animiertes Gras bewegt sich sanft im Abendwind, die feinen Schatten werden immer länger. Später schlendert ihr gemütlich durch einen Hafen, bevor ihr in stickigen Spelunken stöbert, die Segel setzt und euch schließlich durch den dichten Dschungel der geheimnisvollen Insel in Richtung Finale rätselt.