Nachdem in dem ersten Interview unseres Specials zu dem Thema Raubkopien mit Georg Herrnleben, dem Regionalmanager der Business Software Alliance für Zentraleuropa, ein Experte zu dem Thema auf der Seite der Software-Unternehmen befragt wurde, sprechen wir heute mit der Gegenseite. Ein Jugendlicher Raubkopierer geriet im vergangenen Jahr bei dem Fall Liquid FXP in das Visier der Fahnder. Wir sprachen mit Ihm über die Durchsuchung, seine Zukunft und was er daraus gelernt hat.
OnlineWelten: Zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um uns die folgenden Fragen zu beantworten. Stell dich bitte zunächst einmal kurz für unsere Leser vor.
Jamal F.*: Moin, Ich bin 19 jähriger Abiturient aus dem wunderschönen Niedersachsen im Norden Deutschlands.
OnlineWelten: Sicherlich ist es nicht einfach über diese besondere Vergangenheit zu sprechen. Warum hast du dich dennoch dazu entschieden öffentlich darüber zu sprechen?
Jamal F.*: So schwer ist es dann wieder auch nicht. War halt anfangs alles verwirrend, denn so eine Durchsuchung und der ganze gerichtliche Kram is ja nicht Standard. Außerdem bin ich aus diesem Schlafraub durch unsere lieben Freunde und Helfer mit einer Phobie vor Autos, die morgens vor meinem Zimmerfenster parken herausgegangen. Nein, im Ernst... die erste Woche danach konnte ich schlecht schlafen und bin wirklich morgens um 6 Uhr ans Zimmerfenster, um zu gucken, ob da nich schon wieder Leute rumstehen und gleich in mein Zimmer stürmen.
OnlineWelten: Erzähl uns doch zunächst einmal von deinem speziellen Fall. In welchem Maß warst du an dem Vertrieb von Raubkopien im weiteren Sinne beteiligt?
Jamal F.*: Vertrieb? Sowas gabs bei mir in keinster Weise. Wenn ich etwas runtergeladen habe, dann um es selbst anzugucken, zu benutzen oder auch oftmals gleich wieder zu löschen. Außerdem betrachte ich uns als FXP Gruppe nicht als profitgeile Kriminelle. Auch wenn jede Releasegroup kilometerweiten Abstand von der FXP-Szene nimmt, sind sie für mich nicht besser als diejenigen, die es im Publicmuli oder dergleichen verteilen. Der Unterschied ist nur, dass sie Angst haben durch manch einen unvorsichtigen Trader aufzufliegen und sich deshalb als die Robin Hoods des Internets darstellen, die Filme und dergleichen nur für sich releasen und die eigentlichen Bösen wären ja die, die daraus einen Vorteil ziehen : Die bösen Downloader im Esel oder auf Ftps oder was weiss ich.
Ich habe nie des Profits wegen Warez verteilt oder runtergeladen.
OnlineWelten: Wie wurden die Ermittler auf dich/euch aufmerksam? Habt Ihr die Kopien kommerziell vertrieben oder hattet Ihr ein "schwarzes Schaf" in euren Reihen?
Jamal F.*: Wie gesagt kommerziell haben wir diese Sache nie betrieben. Das war eher ein Hobby. Aufmerksam sind sie auf das Board selber geworden, weil der Administrator einige Server in den USA gehackt hat und dort wohl Kreditkartennummern geklaut hat. Diese wiederum hat er an einen Freund aus Zypern weitergeleitet, der daraus dann wohl Geld machen wollte. Das hat dann sowohl das FBI und deshalb dann auch das LKA auf den Plan gerufen. Die haben dann den Administrator hochgehen lassen und mit seiner Hilfe Ips und Private Boardnachrichten gesichert. Zum Glück hatte das Board wohl eine Art Sicherheitsmechanismus, der nach ein paar Tagen Abstinenz des Admins bzw. verschiedenen Ips, die sich in das Board unter einem Account einloggen, die Datenbank gelöscht hat. Das was sie rekonstruieren konnten war daher schon älter. Mit Hilfe dieser Ips wurden dann die User zurückverfolgt und haben dann Besuch bekommen.
OnlineWelten: Hattest du vor dem Besuch der Polizei eine Warnung erhalten, dass eine Hausdurchsuchung bevorstehen könnte oder wurden Freunde von dir zuvor schon mit einer Hausdurchsuchung konfrontiert? Wie lief die Durchsuchung im einzelnen überhaupt ab?
Jamal F.*: Etwa ein halbes Jahr bevor die Herren in grün bei mir auf der Matte standen hieß es aus den Administrator bzw. Moderator Kreisen des Boards, dass man mit Besuchen rechnen müsste. Nur hab ich das leider auf die leichte Schulter genommen und als nach 1-2 Monaten niemand da war, bin ich wieder aktiv geworden. War leider ein Fehler wie sich dann herausstellte. Internetbekannte also "Freunde" wurden auch besucht. Einer hatte derbes Glück, dass er gerade umgezogen war und die Polizei vor einem leeren Zimmer stand, sein Vater hat ihn dann noch warnen können und er hatte Zeit alles wegzuräumen.
Ich selber war vorher noch in keine Durchsuchung involviert. War sozusagen mein erstes Mal. Im einzelnen lief es in etwa so ab. Gegen 6:00 Uhr haben 3 Beamte und ein Angestellter der Stadt bei uns geklingelt wurden von meiner Mutter reingelassen und wollten zuerst in das Zimmer meines Stiefvaters, weil der DSL-Anschluss auf seinen Namen lief. Meine Mutter hat dann, verwirrt wie sie von der ganzen Aktion war, gesagt, dass der einzige PC in meinem Zimmer stehen

würde. Das hat denen dann auch gereicht, um innerhalb von einer Minute in meinem Zimmer zu stehen Geweckt wurde ich dann von einigen heftigeren Stößen meiner Mutter gerichtet gegen mein Schulter. Noch im Halbschlaf hat dann einer der Beamten die Anklage vorgelesen, also den Grund für die Durchsuchung, der auf Computerbetrug und Urheberrechtsverletzung basierte. Dann haben die Beamten mein zimmer durchsucht, während ich in Boxershorts auf dem Bett saß und garnicht klar gekommen bin. Die haben dann alles was mit dem PC zu tun hatte mitgenommen, selbst den Monitor und die Tastatur inklusive Maus, keine Ahnung warum. Wenn der Polizist den MP3 Player anbekommen hätte, wär der sicherlich auch noch mitgenommen worden... soviel zum Sachverstand der Polizei.
Nach einer Stunde in etwa und Abzeichnung einiger Dokumente, die die Einbehaltung der beschlagnahmten Gegenstände betrafen, war der Spuk dann auch rum.
OnlineWelten: Jeder kennt die Bilder aus dem Fernsehen wo bei Hausdurchsuchungen Kisten mit Beweismitteln in Autos verladen werden. Wurden bei dir noch andere Dinge als dein Computer beschlagnahmt?
Jamal F.*: Naja...außer meinem Pc, haben sie halt jede Art von CD und DVD bzw. Disketten mitgenommen und nen Gramm Cannabis..keine Ahnung woher das kam =)
OnlineWelten: Nach der Durchsuchung wusstest du wahrscheinlich gar nicht was du machen solltest. An wen hast du dich gewendet, um herauszufinden wie du am besten vorgehen kannst. Wie lange dauerte es bis die Hauptverhandlung angesetzt wurde?
Jamal F.*: Nachdem ich den Schreck überwunden hatte, hab ich den ersten EDV Anwalt in den gelben Seiten angerufen und einen Termin gemacht. Dann bin ich zum Gericht und hab mir einen Beratungsschein geholt, der mich von den Kosten der Beratung befreit. Beim Anwalt war ich dann gleich am nächsten Tag. Der hat mich beruhigt und gesagt, dass er aber nur beratend Hilfe leisten kann, da eine Vertretung vor Gericht Geld kosten würde. Naja, whatever. Ich hab dann Akteneinsicht beantragen lassen, um zu sehen was sie gegen mich als Beweise haben und wie weit sie mir etwas nachweisen können. Monatelang hab ich dann nichts von der Staatsanwaltschaft gehört. Nach 4 Monaten kam dann die Akte aus Köln und ich konnte sie einsehen. Die "Beweise" waren dann wie erwartet dürftig. Nur leider hatten sie ja meinen PC, mit knapp 250 GB an Daten. Der Anwalt riet mir dann eine Aussage zu machen, da das ein gutes Zeichen von Kooperation wäre. Die Aussage hab ich dann am 16.08. geleistet. Am 10.01. kam dann eine lange Liste mit Filmen, Spielen, Programmen und anderen Dingen und die Ansage, dass das Verfahren nun eingeleitet wird, da öffentliches Interesse besteht. Die Anklage selbst lautet nur noch auf Urheberrechtsverletzung. Ich werde stellvertretend von EA Games, Micosoft, Warner Home Video und Buena Vista Home Entertainment verklagt. Das ist doch schon etwas ;) Gleich danach kam ein Brief von der Stadt bzw. von der Jugendgerichtshilfe, zu der ich musste, um ihr einen Überblick über mein soziales Umfeld zu geben. Also quasi, um das Strafmaß meinem Alter und meinen Umständen gerecht festzusetzen. Aus dem Gespräch bin ich dann mit der Zusicherung der Gerichtsbeihilfe herausggangen, dass sie Sozialstunden empfehlen wird.
OnlineWelten: Dein Strafmaß dürfte für viele unserer jungen Leser ganz besonderes interessant sein. Welche Strafe hast du erhalten und glaubst du, dass diese für einen Jugendlichen in deinem Alter gerechtfertigt ist?
Jamal F.*: Mein Strafmaß wurde vom Richter auf 20 Sozialstunden in einem Altersheim hier in der Gegend festgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hatte 60 gefordert, aber er hat halt 20 und die Einziehung meines PCs draus gemacht. Schade um meine Anlage. Aber insgesamt ein mildes Urteil.
OnlineWelten: Zwar wurde die Zerschlagung von "Liquid FXP" in den Medien als großer Erfolg gewertet, doch was sagst du als Insider zu der Bedeutung? Ist es nicht eher so, dass auf eine Zerschlagung mehrere Neugründungen folgen und sich die Szene immer besser vor Zugrif
Jamal F.*: Die FXP Szene ist tot. Vor 5 Jahren war das noch ein Spielplatz für ambitionierte Hobbyhacker und Leute, die nichts besseres mit ihrem Know How zu tun hatten. Wenn ein Exploit ( eine Sicherheitslücke in einem System ) bekannt wurde gab es innerhalb eines Tages einen Scanner und dann hunderte von verwertbaren Ergebnissen. Nur mit den Jahren sind die Exploits schwieriger und die Scanergebnisse weniger geworden. Außerdem vervielfachte sich die Anzahl der Leute, die meinten sie könnten schnell mal nen Server hacken und einsteigen. Die gesamte "Szene" wurde außerdem immer jünger und kindischer. Da lieferten sich einige regelrechte Wettstreits. Wer mehr Server und größere Platten und schnellere Leitungen knackt. Ein lächerliches Rennen. Schützen kann sich heute fast niemand mehr. Andauernd gehen Foren hoch und Rechner in IT-Zentren werden beschlagnahmt.
Von den öffentlichen Seiten, naja, wer es nötig hat und wirklich so hohl ist, da mitzumachen, ist selbst schuld, wenn irgendwann jemand vor seiner Tür steht.
OnlineWelten: Danke, dass du uns einen Einblick in deinen ganz besonderen Fall ermöglicht hast. Viele Leser werden vermutlich Ihre Einstellung zu Kopien ändern. Möchtest du zum Abschluss noch Kritik an dem Ablauf in deinem speziellen Fall oder die Behandlung von Raubko
Jamal F.*: Naja, so gerne ich sagen möchte, dass wir nichts "Böses" getan haben... es ist nunmal illegal ohne Berechtigung Dinge herunterzuladen.
Zur Behandlung ist zu sagen, dass die Beamten bei der Durchsuchung nicht wirklich nett waren. Ich hab unter anderem diese Einverständniserklärung unterschrieben, dass meine Anlage einbehalten wird, weil mir gesagt wurde, das wäre ein Zeichen von Reue. Ich hätte aber nichts unterschreiben müssen. Davon war jedoch nie die Rede.
Außerdem ist mir bis heute nicht ein Beamter oder Mensch vor die Augen gekommen, der an meinem Fall arbeitet und auch nur annähernd Ahnung von dem hat was er da bearbeitet. Einige von denen sind sowas von schlecht informiert und spielen sich so stark auf, dass es schwer ist nicht zu lachen. Naja ist auch ein Vorteil für mich, wenn da nur grinsende Ja-sager und nichts verstehende Beamte rumlaufen.