Second Life - Special
Von Möbelpackern und Grundstückshändlern
Im Juni 2003 als ehrgeiziges Projekt mit gerade einmal 600 Kunden gestartet, entwickelt sich das Spiel aus dem Hause Linden Lab zum absoluten Hit. 2007 erwartet man insgesamt mehr als 7 Millionen Menschen, die so ihr zweites Leben am Rechner verbringen. Doch statt Orks, Elfen und Weltraumschlachten gibt es die volle Kost Lebensalltag. Wohnung einrichten, neue Turnschuhe kaufen, ins Kino gehen oder die Nachbarin mit kalkfreien Gläsern beeindrucken. Längst hat dabei die Industrie Einzug gehalten und wer in Second Life etwas erleben will, der muss dafür teilweise teuer bezahlen - mit barer Münze versteht sich, die man benutzerfreundlich direkt überweisen kann. Tatsächlich verdienen einige ausgebildete Grundstücksmakler lieber ihre Provision mit dem Verkauf eines virtuellen Grundstücks, eventuell sogar direkt mit Designanregung des Kooperationspartners, als von Tür zu Tür zu eilen und bissige Hunden mit Stöckchen abzulenken. Hier fließen schnell hunderte, ja tausende von US-Dollar und dem Spieler scheint es zu gefallen - den Geschäftsleuten sowieso. Wie gewaltig die Einnahmen sind, verdeutlichen Beschäftigungszahlen aus China. Hier planen Firmen teilweise mit Einstellungen, die im mittleren bzw. hohen dreistelligen Bereich liegen.
Da Second Life immer beliebter wird, hat nun auch die produzierende Industrie diesen Absatzmarkt entdeckt. Adidas, Reebok, Toyota oder Nissan, aber auch die Nachrichtenagentur Reuters sowie die schwedische Botschaft kann man nun virtuelle antreffen, besuchen und deren Produkte konsumieren. Selbst die Rekrutierung von Polizisten/Innen läuft virtuell ab, wer sich informieren will, was einem im harten Berufsalltag als Cop so erwartet, ist in Second Life an der richtigen Adresse. Grenzen sind hier nicht gesetzt und so bleibt es wohl abzuwarten, bis auch Online-Shops Ihr Angebot nicht mehr nur auf einer Webseite präsentieren, sondern ankleiden, austesten etc. direkt in einer virtuellen Welt möglich ist.
Ob Philip Rosendale, seines Zeichens Physiker, mit jener Entwicklung gerechnet hat, ist nicht bekannt. Klar ist jedoch, dass der Hype um das Produkt ungebremst fortlebt. Dabei ist die Kritik und Skepsis gegenüber Second Life durchaus angebracht und wird von vielen Stellen hervorgebracht. So sorgte vor wenigen Wochen der Vorwurf der Kinderpornographie dafür, dass auch Gesetzeshüter und Rechtsanwälte sich intensiv mit der virtuellen Welt befassten.
Was ist virtuell eigentlich erlaubt und muss man sich an geltende Rechte und Gesetze halten? Rechtsanwalt Rothe, Partner der Hamburger Wirtschafts- und Medienkanzlei Rode + Mathé und spezialisiert auf Videospiele, bestätigt, dass reale Gesetze in Second Life greifen und selbst die Beobachtung von z.B. sexuell strafbaren Delikten zur Verurteilung im wahren Leben führen kann. Kritiker haben derartige Entwicklungen zumindest teilweise erwartet - Was soll eine virtuelle Welt auch bringen, wenn man die gleichen Aktivitäten, die gleichen Regeln, Normen und Gesetze virtuell leben muss? Eine derartige normierte, virtuelle Welt bringt dem User doch relativ wenig, höchstens ähnliche Tristesse wie im First Life. Welche Regeln gelten also? Ist eine legitimierte Verfassung oder ein Grundgesetz für Second Life notwendig oder wäre es eine Option, reale Gesetzeshüter ins Spiel zu integrieren? So abwegig ist der Gedanke nicht, wenn man berücksichtigt, mit welcher massiven Finanzkraft Unternehmen in Lindens virtuelle Welt drängen. Dass dabei Betrügereien an der Tagesordnung sind, darf nicht verwundern. Dort, wo man anonym schnell viel Geld machen kann, dort wird es immer Kriminalität geben. Einige Käufer von virtuellen Immobilien wissen davon ein Klagelied zu singen.
Doch wie wird sich die virtuelle, zivilisatorische Anstrengung in Second Life weiter entwickeln? Die Antwort ist ungewiss. Hypes sind für Ihre Kurzlebigkeit bekannt und dass von den gewaltigen Userzahlen, die Second Life aufweisen kann, nur noch sehr wenige tatsächlich aktiv sind, zeigte eine groß angelegte Umfrage unter 100.000 deutschsprachigen Internetusern. Von den Befragten konnten zwar nahezu 70% dem Begriff "Second Life" die richtige Bedeutung zuweisen, beinahe jeder Zehnte hat sogar einen eigenen Account, jedoch nicht einmal 1% davon loggt sich noch ins Spiel ein. Ist Lindens Universum also eine Welt voller Account-Leichen? Man muss es tatsächlich annehmen und Besuche in der Welt verdeutlichen dies oftmals. Zwar ist es modern, über Second Life zu reden, fesseln kann dieses Produkt allerdings nur sehr wenige. Für meinen Teil schalte ich dann doch lieber auf andere MMOGs um, und schweife zwischen Ork, Zwerg und Cyber-Superheld durch ferne Welten und Galaxien.
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Linda
16.08.2007, 19:37 Uhr