Saints Row 2 - Test
GTA auf Speed
In jeder anderen Stadt wäre wohl Panik ausgebrochen, aber die Pixel-Muttis in der Einkaufspassage von Stilwater scheint so etwas nicht mehr zu jucken. Schließlich haben in einer Stadt, in der die Polizei einfachste Streitigkeiten mit bleihaltigen Argumenten beilegt und rivalisierende Banden mittelgroße Bürgerkriege starten, selbst Hippies Haare auf den Zähnen.
Gut, dass man bei Saints Row 2 auf der anderen Seite des Lenkrads sitzt. Wer braucht schon Philosophie, wenn man den Alltagsfrust mit einem herrlich sinnfreien Massenmord verdrängen kann und dafür nicht einmal bestraft wird? Selten war ein Spiel menschenverachtender als dieses, und so wundert es wahrlich nicht, dass Saints Row 2 ein hochgradiger Index-Kandidat ist. Zwar sind alle Aktionen so comichaft überdreht, dass man sich gerade am Anfang des Spiels das Lachen nicht verkneifen kann, aber spätestens nach der dritten Spielstunde fragt man sich ernsthaft, ob der hohe Grad an Gewalt wirklich nötig war. Dass beim Versuch, die zersplitterte "Saints"-Gang neu aufzubauen und den drei rivalisierenden Banden den Garaus zu machen, so einige Pixel-Leben ausgehaucht werden, ist ja nicht unbedingt abwegig. Doch im Gegensatz zum Genrekollegen Grand Theft Auto 4 versucht Volitions Sandkasten-Adventure erst gar nicht, dem Geschehen glaubwürdige Logiken oder eine cineastische Storyline als Grundlage zu verpassen.
Der Drift in die Geschmacklosigkeit ist mit absoluter Sicherheit genau der Faktor, an dem sich die Geister bei Saints Row 2 scheiden. Man muss schon recht abgebrüht sein oder einen derben Humor besitzen, um sich nicht an der Sinnlosigkeit der Aktionen zu stören. Das eingeflößte Kontrastmittel ist allerdings auch die beste Möglichkeit, sich von RockStars Mega-Seller abzusetzen. Volition war sich scheinbar bewusst, dass ein Vergleich mit GTA 4 unausweichlich ist, und so hat man fast jede Eigenschaft des Vorbilds ins Gegenteil verdreht.
Ein schönes Beispiel findet sich bereits in der Steuerung der Fahrzeuge. Wie auch in GTA dürft ihr auf Knopfdruck Autos klauen bzw. Fahrer auf offener Straße unsanft dazu überreden, ihre Stadtschüssel aufzugeben. Praktisch, um entlegene Missionen zu erreichen, wichtige Charaktere zu kutschieren oder in einer der vielen Nebenaufgaben ein Rennen anzugehen. Einmal in ein beliebiges Vehikel eingestiegen, könnte der Kontrast aber nicht größer sein. Beschwerten sich noch einige Spieler bei GTA 4 über die sehr Next-Gen-gerechte, träge, aber vergleichsweise schwierig zu beherrschende Fahrzug-Physik, so schwenkt Saints Row 2 genau ins Gegenteil: Alle Fahrzeuge steuern sich so, als wären sie Matchbox-Autos ohne jegliches Gewicht oder Trägheit. Selbst die Lenkung von Hardcore-Arcade-Racern wie Ridge Racer oder Need for Speed wirkt dagegen noch ambitioniert. Dafür kann sich aber nun niemand mehr über ein schleifendes Cornering beschweren.
"Geschmackssache", sagte der Affe und biss in die Seife. Ob euch das zusagt, müsst ihr also selbst entscheiden. Mit vielen anderen Elementen des Spiels verhält es sich allerdings ähnlich. Habt ihr etwa die Flugzeuge in GTA 4 vermisst? Saints Row 2 hat sie, ebenso wie Tuning-Möglichkeiten für Karren. Taxi, Notarztwagen und Polizeimissionen? Alles vorhanden, wobei "the Fuzz" der Geschmacklosigkeit die Krone aufsetzt, da die einzigen Argumente der Polizei bleihaltig sind. Konntet ihr dem ewigen Geschwafel und dem langsamen Einstieg bei RockStars Schöpfung hingegen nichts abgewinnen, dann ist Saints Row 2 euer Kandidat. Hier reichen dreieinhalb zusammenhängende Sätze, um den Protagonisten zum Ausbruch aus dem Gefängnis-Krankenhaus zu überreden - und das, nachdem er ewig und drei Tage im Koma lag. Generell fühlt sich Saints Row 2 an wie ein GTA auf Speed, bei dem ein absurder Zusammenhang den nächsten speist.
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