Lips - Preview
Vokalistenstadl
Grundsätzlich funktioniert das Spiel sehr ähnlich wie Singstar. Zweitstimmen, wie in SingStars "Harmonie-Modus" werden bereits unterstützt.
Nach der Ankündigung der neuesten Eroberungspläne seitens Microsoft hätte man auf der Games Convention 2008 eigentlich ein Feuerwerk an Spielspaßgranaten, Grafikkrachern und weiteren Kaufargumenten für die Xbox 360 erwarten können, doch es blieb aus. Während Sony Core-Gamer in abgeschotteten "ab 18"-Bereichen auf die kommenden Actionknaller einstimmte, mit Little Big Planet den Familientrumpf auf den Tisch legte und der Menge am zur Tradition gewordenen SingStar-Stand einheizte, stand der Riese aus Redmond beinahe ganz ohne Argumente da und lieferte die schwächste Show seit Jahren ab. Kein "ab 18"-Bereich für Gears of War 2, selbst Fable 2 war nur für VIPs anspielbar. Den Hoffnungsträger "Lips", den man ohne Scham als Singstar-Klon bezeichnen kann, bekam hingegen nur die Presse zu Gesicht.
Angesichts des bisherigen Entwicklungsstadiums ist das nicht allzu verwunderlich. Gerade mal sechs Songs hatte das Karaoke-Programm von Entwickler iNiS zur Präsentation im Gepäck - bereits viel zu wenig für die hauseigene Party, die der Konzern zur Ankündigung des Spiels veranstaltete. Auf einer großen Bühne des Messegeländes hätte man sich damit wohl ein Eigentor geschossen. Allerdings nicht nur aufgrund der Quantität, sondern auch wegen der Auswahl der Songs, die bereits jetzt Böses erahnen lässt.
Doch bevor wir uns den Songs widmen, geht's erst mal an die Spielstruktur. Die lässt sich nämlich in wenigen Sätzen abhandeln, da sie wie zu erwarten das Prinzip der berühmten Vorlage kopiert. Sprich: Im Hintergrund läuft ein Song, dessen Gesang aus lizenztechnischen Gründen zwar nicht abgeschaltet, aber zumindest sehr leise gestellt werden kann. Ein oder zwei Spieler dürfen sich nun daran versuchen, das Lied möglichst korrekt nachzusingen. Wie üblich hilft eine grafische Tonhöhenmarkierung dabei, die Melodie richtig abzuschätzen, während der Text etwas weiter unten Platz findet. Alles wie gehabt, nur etwas größer.
Zumindest fast, denn Microsoft hat ein paar kleine Detailverbesserungen vorgenommen. Angefangen bei der Tatsache, dass Lips zwei schnurlose Mikrofone beinhalten wird. Damit löst MS ein Versprechen ein, das Sony bisher noch nicht halten konnte. Obendrein verfügen die Schreikolben über Bewegungssensoren. Wer im Tamburin-Stil auf die Seite des Mikros klatscht, kann somit einen von mehreren wählbaren Percussion-Effekten auslösen, um die Darbietung rhythmisch zu verstärken. Erfolgreiche Sänger, die bestimmte Abschnitte fehlerfrei trällern, werden sogar über Symbole auf dem Bildschirm dazu aufgefordert, Gestiken auszuführen, wie man sie von der Wiimote kennt.
Diese Funktion ist sicherlich ganz nett, entpuppt sich allerdings bei genauerem Hinsehen als unnötige Spielerei. Warum das so ist, wird euch im Verlaufe dieses Artikels noch klar werden. Einzig der sofortige Einstieg für den zweiten Spieler wäre als echter Pluspunkt zu verzeichnen. Singt ihr nämlich alleine, so braucht ein zweiter Spieler lediglich das andere Mikrofon aufzuheben, um ins Spiel einzusteigen. Sobald das Mikrofon registriert, dass es aufgenommen wurde, erscheint augenblicklich eine zweite Gesangsspur auf dem Bildschirm. Ungeduldige Mitspieler, die auf ihren Auftritt warten, bedienen hingegen weitere Percussion-Effekte über den A-Knopf von vier weiteren Xbox 360-Controllern. Auch eine passable Idee, wobei die Gefahr besteht, dass ganz fiese oder einfach nur rhythmisch untalentierte Gesellen einen Mitspieler aus dem Takt bringen.
Klingt erst mal nach einem minimal aufpolierten SingStar. Lips wäre zumindest ein annehmbarer Konkurrent, wenn sich nicht schon jetzt abzeichnen würde, dass der Bildschirm mit all diesen Funktionen völlig überladen wird. Sicher, ein größerer Font sollte eigentlich für eine bessere Lesbarkeit des Textes sorgen, der im Übrigen auch in verkleinerter Form direkt unter den Fragmenten der Tonhöhen-Grafik Platz findet. Warum Microsoft allerdings auf eine so unnötige wie spaßhemmende Effekthascherei besteht, ist nicht ersichtlich. Es ist zum Beispiel nicht nötig, dass sich der Text nach Vollendung der Gesangszeile ausblendend nach oben bewegt. Auch die Bewertung der Performance, die ähnlich wie bei Sonys Vorbild über kleine Einwürfe (super, geht so, miserabel usw.) eingeblendet wird, hat alles andere nötig als einen Schwarm glitzernder Effekt-Sternchen, die über den Bildschirm wandern. Solche Dinge lenken nur ab - und zwar massiv. Das Wichtigste beim Karaoke ist nun mal die Les- bzw. sofortige Erkennbarkeit des Textes. Mit all der Funkelei, all den Textanimation und den obendrein eingestreuten Symbolen für Gestiken geht jedoch jegliche Übersicht verloren. Es passiert einfach viel zu viel auf dem Bildschirm, da hintergründig natürlich auch die Musikvideos bzw. Liveaufnahmen des Originalkünstlers abgespielt werden. Was möchte MS denn damit bezwecken? Es sieht weder gut aus (eher verdammt kitschig) noch lässt sich damit "die Power der Xbox 360" demonstrieren, von der bei einem Karaokespiel sowieso niemand etwas wissen will. Nicht falsch verstehen: Bei Sonys Singstar funkelt's auch hier und da, aber deutlich unauffälliger, während das Gesamtlayout einfach deutlich übersichtlicher erscheint. Lips ist einfach zu verspielt.
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