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Jan Ellers | 18.11.2005, 16:05 Uhr

Diskussion um Killerspiele - Special
Amoklauf der Koalition

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Kurz nachdem der fertige Koalitionsvertrag den Weg in die Öffentlichkeit fand, ging ein Aufschrei durch die Reihen der Spieler. So genannte „Killerspiele“ sollen verboten werden.
Im Jahr 2002 geschah der tragische Amoklauf am Erfurter Gutenberggymnasium, dabei töte der Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen und anschließend sich selbst. Diese Tat führte zu einer großen öffentlichen Diskussion über gewaltverherrlichende Spiele, wie Counter Strike, welches der Täter angeblich sehr häufig gespielt haben soll. Der Amoklauf beschleunigte außerdem die Arbeit an einem neuen Jugendschutzgesetz, dass nur wenige Wochen später verabschiedet wurde und verschärfte, durchaus sinnvolle Regelungen mit sich brachte. So wurden zum Beispiel die Alterskennzeichnungen der USK verbindlich. In der öffentlichen Diskussion stürzten sich die Medien auf Counter Strike und Co ohne andere Fakten zu beachten, die bei dem Amoklauf eine Rolle gespielt haben könnten, wie die Erziehung von Robert Steinhäuser, das Waffengesetz oder das Thüringer Schulgesetz, dass sich sehr nachteilig für Schüler auswirkte die durch die Abiturprüfung fallen.
Inzwischen sind zwei Jahre vergangen und wieder beschäftigen gewaltverherrlichende Computerspiele die Öffentlichkeit. CDU, CSU und SPD wollen in der vierjährigen Legislaturperiode folgendes Diskutieren:

  • Wirksamkeit des Konstrukts Regulierte Selbstkontrolle
  • Altersgrenzen für die Freigabe von Filmen und Spielen/Alterskennzeichnung von Computerspielen
  • Verlässliche Kontroll- und Sicherheitsstandards für Videoverleihautomaten
  • Verbot von Killerspielen

Vor allem der letzte Punkt löste eine Diskussion aus, die sich nicht nur auf die Spielerszene beschränkt, sondern mit der sich auch andere Medien wie Radio und Zeitung beschäftigen. Im Gegensatz zu dem Massaker in Erfurt diesmal allerdings mit einem weit neutraleren Standpunkt. Bisher versucht man mehr oder weniger erfolgreich zu klären, was denn genau Killerspiele sind, diesen Begriff erfand übrigens der Bayrische Innenminister Günter Beckstein(CSU). Das Wort tauchte auch schon im Jahr 2002 auf, dort wurde im Gesetzesentwurf Drucksache 15/88 2002 ein Verbot von Killerspielen gefordert. Der Begriff bezog sich aber auf Paintball und Laserdrome. Im Koalitionsvertrag ist er nicht weiter erklärt. Die Kollegen von Telepolis versuchten diese Frage in einem Interview mit der CSU Abgeordneten Maria Eichborn zu klären. Sie schloss sich zwar wieder der Definition aus dem Jahre 2002 an, aber auf Nachfrage verallgemeinerte sie: Gewaltverherrlichung muss in jedem Fall im Sinne des Kinder- und Jugendschutzes unterbunden werden. Frau Eichborn ist auch der festen Überzeugung, dass sich Videospiele negativ auf Jugendliche auswirken und versucht dies mit dem Erfurter Amoklauf zu untermauern. Eine sehr gern benutzte Phrase von Politikern zu diesem Thema, aber unter klar denkenden Menschen mindestens genau so fraglich.

Von reinen Behauptungen nun zu Fakten: Computerspiele wirken sich auf den Spieler aus! Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am Donnerstag dieser Woche auf Seite 33 in einem Artikel über die Diskussion um Killerspiele über eine Forschergruppe aus dem US-Bundesstaat Michigan. Die Wissenschaftler erbrachten den Nachweis, dass Gewaltszenen in Spielen die für Aggression zuständigen Gebiete der Hirnrinde anregen - während des Spiels, nicht auf Dauer. Dass man sich aber nicht auf Studien berufen kann, wenn man Stichhaltige Argumente braucht ist längst bekannt. Es gibt mindestens so viele Studien die bezeugen, dass Computerspiele keinerlei Auswirkungen haben, wie Studien die das Gegenteil behaupten.
Am Donnerstag dieser Woche bekräftige die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Maria Böhmer(CDU), die Forderung nach einem Verbot. In einem Interview mit dem Deutschlandradio erwähnte sie natürlich auch gleich in der ersten Antwort den Amoklauf in Erfurt. Außerdem sieht sie einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Killerspielen als erwiesen an, denn im Bereich Gewalt im Fernsehen ist ja eindeutig geklärt worden, dass es einen Zusammenhang gibt.

Derweil regt sich auch Widerstand in der Spielebranche die nach neusten Zahlen in Deutschland allein 622 Millionen Euro schwer ist. Der Deutsche eSport Bund (esb) begrüßt zwar die Diskussion in der Politik über PC- und Videospiele, fordert aber gleichzeitig die Medienkompetenz von Eltern und Pädagogen zu verbessern:
Aufklärung im Umgang mit PC und Videospielen beginnt bereits im Kinderzimmer - durch die Eltern. Daher zählt die Förderung von Medienkompetenz zu den wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft. Kinder und Jugendliche kommen heutzutage unweigerlich mit Massenmedien und damit auch mit PC und Videospielen in Berührung. Eltern kennen die Spiele und Filme meist nicht und scheinen damit überfordert zu sein. Als Folge werden Kinder allzu oft mit ihrem Medienkonsum allein gelassen. so der esb weiter.

Auch Jörg Trouvain, Geschäftsführer von EA Deutschland, ist da ähnlicher Ansicht, sieht aber keinen Änderungsbedarf an dem Jugendschutzgesetz da es sich in der Praxis bewährt hätte. Auch das angestrebte Verbot von Killerspielen wurde angesprochen: Das im Koalitionsvertrag vorgesehene Verbot von sogenannten Killerspielen bedarf einer weiteren Präzision. Computer- und Videospiele mit menschenverachtender und exzessiver Gewaltdarstellung sind ohnehin bereits verboten, die Mehrzahl der Spiele mit Gewaltdarstellung ist nur für Erwachsene freigegeben. Jede gesellschaftliche Diskussion über die Gewaltdarstellung darf nach Überzeugung von Electronic Arts nur im Kontext von Gewalt in Medien insgesamt und nicht isoliert für interaktive Unterhaltungsmedien geführt werden.

Electronic Arts und der esb sind sich einig und sehen beide kräftigen Nachholbedarf bei der Stärkung der Medienkompetenz. Außerdem bezeichnet Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktiver Unterhaltungssoftware Deutschland, den Begriff Killerspiele als unglücklich.

Aber nicht nur in der Branche regt sich der Widerstand gegen eine solche Forderung. In der Jungen Union gibt es mindestens so viele Befürworter wie Gegner eines Verbots. CDU Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen Thomas Jarzombek fordert gar ein Elternverbot in einem Statement: Die Gewaltbereitschaft wird da geschürt, wo Kinder sich selbst am Computer überlassen werden, und niemand da ist, der die im Spiel entstandenen Emotionen auffängt. Man sollte besser solche Eltern statt der Spiele verbieten.

Auch die Grüne Jugend Bayern zweifelt an dem Absatz im Koalitionsvertrag. Es sind aber nicht die sog. "Killerspiele" allein, welche manche Jugendliche zu Gewalthandlungen treiben. Wenn die Politik als finalen Schlag gegen Jugendgewalt am besten gleich den gesamten Markt der Ego-Shooter verbieten will, ist das ein Zeichen von Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass die staatlichen Schutz- und Betreuungsfunktionen für Jugendliche, welche in einem gewalttätigen sozialen Umfeld aufwachsen in Deutschland bei weitem nicht ausreichen. so die Grüne Jugend Bayern auf ihrer Homepage.

Es bleiben bisher noch viele Fragen ungeklärt. Momentan scheinen sich die Politiker nicht einmal einig zu sein was Killerspiele sind. Außerdem regt sich der Verdacht, dass Computerspiele nur hinhalten müssen um andere Gründe für die zunehmende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen zu Verdrängen. Schließlich ist es einfacher Killerspiele zu verbieten als soziale Ungerechtigkeit auszubügeln.

Auf der nächsten Seite gibt es die kompletten Stellungsnahmen von Electronic Arts, dem eSport Bund, der Grünen Jugend Bayern sowie dem Entwicklerbund Northstar Developers.

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