Command & Conquer Alarmstufe Rot 3 - Test
Strategie als Popcorn-Action
Verdreht, trashig, cool
Zugegeben, solch ein skurriles Szenario mit derart abgedrehten Einheiten und der Abstinenz jedweder Logik (wir sagen nur: Zeitparadoxon) ist wohl nicht jedermanns Geschmack. Kombiniert mit der kunterbunten Grafik dürfte C&C: Alarmstufe Rot 3 wohl so manchen Strategiespiel-Fan schon beim ersten Blick abschrecken. Doch dann entgeht ihm ein spaßiges Spiel, das nur ein Ziel hat: Unterhaltung - und zwar um jeden Preis. Denn auch wenn das Szenario gewöhnungsbedürftig ist, muss man den Entwicklern von EA Los Angeles zugute halten, dass sie ihren Stil konsequent durchziehen und keine faulen Kompromisse eingehen. Man merkt in fast jeder Minute deutlich, dass sich das Spiel selbst nicht wirklich ernst nimmt und bewusst diesen Trash-Charme versprüht.
Spätestens beim Anblick der aufwändig produzierten Realfilmszenen in HD-Qualität mit ihren oberflächlichen Dialogen dürfte jedem klar sein, dass EA in voller Absicht die Schiene der Popcorn-Action wählt und diese in Richtung des Strategie-Genres umleitet. Wer auf historisch akkurat inszenierte Schlachten oder sachlich-ernste Titel steht, sollte also die Finger von diesem Spiel lassen. Wer auf gute Unterhaltung samt Hollywood-Flair steht - immerhin sind in besagten Zwischensequenzen bekannte Leute wie J.K. Simmons, Gemma Atkinsoun und Tim Curry zu sehen - darf sich gerne auf den Kampf zwischen Russen, Alliierten und dem Reich der aufgehenden Sonne einlassen.
Dreigestirn der Mächte
Denn aller Skurrilität zum Trotz steckt unter dieser verrückten Schale ein solides Strategiespiel mit drei Fraktionen und einem gelungenen Balancing. Jede Partei verfügt über besondere Merkmale sowie exklusive Einheiten. So schicken die Russen beispielsweise Kampfzeppeline und Apokalypse-Panzer in die Schlacht, während die Alliierten auf ihre Lufthoheit und technisch hoch entwickelte Kampfvehikel setzen. Die Japaner - wir nennen das Reich der aufgehenden Sonne der Einfachheit halber ausnahmsweise so - hingegen verknüpfen alte Samurai-Traditionen mit moderner Technologie. Das Ergebnis: Transformer-ähnliche Kampfroboter, Kamikaze-Soldaten und futuristisch wirkende Flugmaschinen machen auf Seiten der Asiaten das Schlachtfeld unsicher. Toll übrigens auch die Gefechte auf hoher See mit Schlachtschiffen und U-Booten.
Die Unterschiede machen sich auch im allgemeinen Spielgefühl bemerkbar; die Russen sind beispielsweise wahre Meister im Verschanzen, während die Japaner schnell expandieren und einige ihrer Gebäude kurzerhand an einen anderen Standort verlegen können. Da dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Bei aller Exklusivität, die jede Fraktion auszeichnet, hapert es erfreulicherweise keineswegs am Balancing. Für jede Einheit gibt es einen passenden Gegenpart und keine Partei ist übermächtig. Auch die Superwaffen sind nicht mehr spielentscheidend stark. Das fällt vor allem in Multiplayer-Partien positiv aus, da es keine garantierte Siegkonstellation gibt. Bis hierhin haben die Entwickler also alles richtig gemacht.
Die Präsentation ist nach wie vor ebenso dynamisch wie mitreißend. Nicht selten hat man das Gefühl, einer TV-Übertragung beizuwohnen.
Doch spätestens bei den insgesamt drei Kampagnen kommen erste Zweifel auf. Am Missionsdesign als solches liegt es nicht, da hier genügend Abwechslung und Spannung geboten wird. Doch da wären zum einen die Schwankungen beim Schwierigkeitsgrad. So ist beispielsweise die finale Mission der Russen-Kampagne im Vergleich zu einigen vorherigen Kämpfen ein Witz. Ok, echte Profis werden sowieso kaum Probleme haben, denn taktischer Anspruch wird insgesamt eher klein geschrieben. Wer seine Armee halbwegs durchdacht mit Einheiten verschiedener Art mischt, geht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Sieger hervor. Zudem sind die Kampagnen nicht gerade sonderlich lang ausgefallen, so dass nach einem Wochenende der Spaß bei den meisten Spielern schon vorbei sein dürfte.
Des Weiteren plagen das Spiel altbekannte Wehwehchen, die aus C&C-Spielen (leider) nicht mehr wegzudenken sind. Da wäre zum einen eine mäßige Wegfindungsroutine, die vor allem bei Großangriffen so manche Einheit an Hindernissen hängen lässt oder große Verbände unnötigerweise aufspaltet. In solchen Momentan machen sich dann auch die fehlenden Zoomstufen der Kamera unangenehm bemerkbar, da diese zu dicht am Geschehen ist und man oftmals nicht alle Einheiten auf einmal auswählen kann. Mit der teilweise dämliche KI mit ihren stets gleichen Angriffsmustern und blinden Anstürmen auf Abwehrstellungen wollen wir gar nicht erst anfangen.
Seltsamerweise stellt sich die KI bei einer der großen Neuerungen im Spiel deutlich geschickter an. Es ist in Alarmstufe Rot 3 möglich, jede Mission der Solokampagne kooperativ mit einem Freund (leider nur online) oder mit der KI zu spielen. Letzterer kann man halbwegs konkrete Befehle ("Angriff auf dieses Gebiet" etc.) erteilen, was erfreulich akkurat umgesetzt wird. Eine nette Idee ist das auf jeden Fall.
Krieg im Lollipop-Stil
Kommen wir noch mal zu dem Punkt "nicht jedermanns Geschmack" zurück. Dies betrifft zu einem Gewissen Grad sicherlich auch die Grafik von C&C: Alarmstufe Rot 3. Einerseits gibt es wirklich imposante Effekte, und die Einheiten hinterlassen ebenfalls einen guten Eindruck. Andererseits ist die Grafik fast schon einen Tick zu bunt, was der Übersichtlichkeit nicht immer zugute kommt. Zudem wirken einige Texturen arg detailarm und dahingeschludert. Bezüglich der Soundkulisse gibt es hingegen deutlich wenig Grund zum Meckern: wuchtige Kampfkulissen, grandiose Sprachausgabe und passende Musikstücke dringen in die Gehörgänge der Hobby-Generäle. Lediglich die sich zu oft wiederholenden Meldungen gehen irgendwann auf die Nerven.
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Arkitan
08.11.2008, 23:52 Uhr
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