Unser Test: Vergebene Chance trifft Enhanced Edition kritisch
Womöglich kaum ein anderes Spiel hat die Rollenspiel-Welt derart nachhaltig geprägt wie das 1998 erschienene Baldur’s Gate - abgesehen vom Nachfolger. Gar von einer Wiederbelebung des Genres ist da oft die Rede und es war der Startschuss für zahlreiche weitere D&D-Titel. Doch hält der Zauber auch 14 Jahre danach noch an? Wir verraten euch, warum die Schuhe, die sich Overhaul Games hier anzog, teilweise doch eine Nummer zu groß sind.
von Markus Rohringer •
10.12.2012, 09:36 Uhr
Inhaltsverzeichnis
Seite 1:
Was beinhaltet die Enhanced Edition?
Eigentlich standen alle Zeichen auf „voller Erfolg“. Ein Entwicklerteam, das zu Teilen aus Mitgliedern des Original-Teams besteht kümmert sich um eine überarbeitete Neuauflage, die eines der wegweisendsten Rollenspiele aller Zeiten ins heutige Jahrhundert hievt. Was sollte da noch schiefgehen? Nun, wie sich herausstellte, so einiges. Schon nach den ersten Screenshots wurde klar, dass man sich grafisch kaum vom Original entfernt hat. Wer also in erster Linie eine optische Überarbeitung erwartete, der wurde relativ früh enttäuscht. Overhaul Games bedient sich einer „überarbeiteten“ Infinity-Engine, die in erster Linie die Errungenschaften der Weiterentwicklungen des zweiten Teils auf den ersten zurücküberträgt. Die Enhanced Edition beinhaltet dabei nicht nur das Originalspiel, sondern auch das Addon „Legenden der Schwertküste“, das sich nahtlos ins Hauptspiel einfügt – was allerdings keine Errungenschaft der Enhanced Edition ist, sondern schon damals so war. Zudem läuft das Spiel nun auch sinnvoll unter aktuellen Auflösungen, wobei hier offenbar auch nur hochskaliert wird, denn einstellen können wir die Auflösung nicht. Auch eine Zoomfunktion gibt es nun, die allerdings kaum einen Nutzen bringt, außer den Pixelbrei aus nächster Nähe zu sehen.
Die Verwendung der überarbeiteten Engine hat nicht nur optische Auswirkungen, sondern beeinflusst auch maßgeblich die Spielmechanik. So gibt es nun zahlreiche Spezialisierungsklassen, zusätzliche Zauber und dergleichen. Das Problem dabei ist folgendes: Es gibt schon seit langer Zeit entsprechende Mods, die genau dasselbe und noch viel mehr bewerkstelligen. Und schon nähern wir uns dem wahren Kern der Problematik, nämlich der Frage: Was genau soll eine „Enhanced Edition“ eigentlich liefern und schafft es das vorliegende Exemplar diesem Anspruch gerecht zu werden? Diese Frage ist es, der wir uns hier widmen wollen, und nicht, ob Baldur’s Gate immer noch ein gutes Spiel ist.
Grafisch hat sich nichts geändert, aktuelle Auflösungen werden aber sinnvoll unterstützt.
Bild 5 von 24
Denn das ist es zweifellos, auch wenn es uns selbsternannten „Früher war alles besser“-Veteranen trotzdem auch des Öfteren einen Spiegel vorhält: „Na, was ist nun, du Weichling? Schon wieder liegt deine Gruppe im Dreck. Kannst du es nicht mehr ertragen, wenn ein Spiel deine Fehler und dein unvorsichtiges Handeln mit voller Konsequenz bestraft? Haben dich Mass Effect und Konsorten weich gemacht?“ Ja, das haben sie. Und dabei sprechen wir gar nicht nur vom allgemeinen Schwierigkeitsgrad. Vielmehr geht es darum, dass Baldur’s Gate einem zeigt, wie rigoros Konsequenzen damals durchgezogen wurden. Hintertürchen (einmal abgesehen von speichern und neu laden), um doch wieder irgendwie zum gewünschten Status zurückzukommen: Fehlanzeige. Wenn ein Gruppenmitglied zu oft aus der Party geschmissen wird oder aus Gesinnungsgründen verärgert wird, haut es einfach ab. Für immer. Und so ist dieses Spiel schon alleine deshalb allen Veteranen zu empfehlen, um sich, möglicherweise noch ähnlich zu Kalibern wie Demon’s Souls, auf die alte „Härte“ zurückzubesinnen und vor allem auch die eigene Einstellung und Erwartungshaltung gegenüber Spielen wieder etwas zurechtzurücken. Es muss nicht nur immer berieselndes Entertainment sein. Die meiste Sucht erzeugt immer noch eine echte Herausforderung.
Inhaltsverzeichnis
Seite 1:
Was beinhaltet die Enhanced Edition?