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Jörg Langer | 31.12.2007, 19:34 Uhr

OnlineWelten Kolumne
Jörgs Dezember

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Blizzard fusioniert mit Guitar Hero und heißt danach Activendi. Oder so ähnlich.

Da nehme ich mir einmal ein ganzes Wochenende Zeit für meine Familie, und was passiert am 2. Dezember? Extra, um mir den Sonntagabend zu verderben (weil ich's dann "dank" Smartphone doch noch gemerkt habe und eine News schreiben musste), schnappt Vivendi sich Activision. Und heißt danach nicht etwa Vivendi-Vision, sondern Activision Blizzard. Das ist ungefähr so, als hätte Daimler-Chrysler stattdessen Chrysler-E-Klasse geheißen.

Activision Blizzard

Auf dem Papier sind Vivendi Games und Activision knapp 19 Milliarden Dollar wert. Das ist mehr als das durchschnittliche, weihnachtsgeldbereinigte Jahressalär eines Spieleredakteurs. Und auch mehr als das addierte 100-Jahre-Einkommen von ganz schön vielen Spiele-Chefredakteuren. In Wahrheit wechseln jedoch sehr viel weniger als 19.000.000.000.000 Ein-Dollar-Noten den Besitzer. Der Deal ist ziemlich ausgefuchst: 1. Der französische Mischkonzern Vivendi gliedert das Tochterunternehmen Vivendi Games aus. 2. Activision kauft Vivendi Games, indem sie Vivendi dafür 295,3 Millionen neu herausgegebene Activision-Aktien überschreibt (die einem Wert von etwa 8,1 Millionen Dollar entsprechen). 3. Vivendi kauft zusätzlich 62,9 Millionen der neuen Activision-Aktien zu 27,50 Dollar pro Aktie (etwa 30 Prozent über Marktwert), danach gehören Vivendi 52 Prozent von Activision Blizzard. 4. Innerhalb der folgenden fünf Werktage kauft Activision Blizzard bis zu 146,5 Millionen der Activision-Aktien an den Börsen zurück, zu 27,50 Dollar. Das kostet mal eben 4 Milliarden Dollar Cash. 5. Der Vivendi-Konzern kauft weitere neu herausgegebene Activision-Aktien in Höhe von bis zu 700 Millionen Dollar, damit Activision Blizzard genug Cash für Schritt 4 hat. Wenn alles klappt, gehören dem Vivendi-Konzern danach 68% der neuen Firma, die ihn real aber nur 2,4 Milliarden Dollar gekostet haben. Im ersten Halbjahr 2008 soll das alles über die Bühne gehen, und schon haben wir den neuen Super-Duper-Nummer-1-Spielepublisher.

Aber was heißt das für uns Spieler? Nichts, wenn man der offiziellen Verlautbarung von Blizzard Glauben schenkt ("Das wird keine Auswirkungen auf Blizzard-Spiele haben"). Das mag im konkreten Fall sogar stimmen. Denn es gibt schon einen Grund, dass die Tochterfirma Blizzard der Tochterfirma Vivendi Games plötzlich die eine Hälfte des neuen Firmennamens stellt. Der Grund hat drei Buchstaben und bezeichnete früher auf Englisch einen Ausdruck des bewundernden Erstaunens. Heute bezeichnet derselbe Begriff eine Geheimsekte, deren 9 Millionen Mitglieder viel Geld dafür zahlen, dass sich regelmäßig einige Variablen auf einem fernen Server erhöhen, woraufhin ihnen Glückshormone durch die Adern schießen.

Aber der neue Super-Publisher hat ja nicht nur WoW, sondern auch, als kleine Auswahl, die Brands Guitar Hero, Call of Duty, Crash Bandicoot, Tony Hawk, F.E.A.R., World in Conflict oder StarCraft zu bieten. Schwer vorstellbar, dass der Zusammenschluss auf mittlere Sicht nicht einigen Serien die Existenz kostet: Wenn man zwei oder drei Echtzeit-Spiele im selben Haus hat, stärkt man lieber die führende und lässt die anderen sterben. Das Dumme daran: Auch die vermeintlich schwächeren Serien hatten vorher ihre Daseinsberechtigung, fanden Fans, brachten neue Ideen ins Genre ein. Indem also der in den letzten Jahren nur begrenzt innovative EA-Konzern vom ersten Platz der Publisher verdrängt wird, dürfte noch mehr Serienfraß in der Spielebranche die Folge sein. Und zwar nicht, weil die Manager und Designer von Activision Blizzard ihr Handwerk nicht verstünden. Sondern weil Größe und Innovationskraft sich häufig ausschließen. Je größer eine Organisation ist, desto mehr Geld steht auf dem Spiel bei jeder Entscheidung, desto mehr werden Entscheidungen abgesichert, desto mehr Entscheider reden mit. Nun mag jeder für sich selbst entscheiden, ob erstens die schiere Größe von EA in den letzten Jahren Auswirkungen auf die Produktpalette hatte, und ob zweitens Activision Blizzard einen ganz ähnlichen Weg gehen könnte.

Plastiknepp oder Laserfreuden: Wii Zapper

Und jetzt mal zu etwas komplett ganz anderem. Ein Bäcker steht zu unchristlicher Zeit auf, feuert den Ofen an, --- nee, das war mal. Aber er wandelt, auf welche Art auch immer, kalten Teig in knusprige Brötchen um. Für letzteres kann er dann summa summarum mehr verlangen, als ihn der Teig und die Teigknetmaschinen und die Backzusätze und die Ladenmiete kosten. Dasselbe Prinzip findet sich in den meisten anderen Berufen, egal, ob einer nun Fonds managt oder Texte schreibt. Das Prinzip heißt "Mehrwert schaffen", und es gibt eine Firma, die kann das anscheinend besser als irgendeine andere (zumindest im Spielebereich). Der neueste Trick geht so: Man nehme ein Stück weißes Plastik, wie es chinesische Fabriken liebevoll zum Cent-Preis herstellen, lasse es in eine bestimmte Form gießen (nochmal 2 Cent Produktionskosten) und dann verschicken. Schon hat man einen Wii Zapper, die Laserkanone der Gelegenheitsspieler! Und einen Wertzuwachs von grob geschätzt 10.000 Prozent (von 30 Cent auf 30 Euro). Als ich diese Vermutung so ähnlich vor einem halben Jahr verkündet habe, nachdem ich den Wii Zapper auf der E3 gesehen hatte, handelte ich mir damit böseste Schmähungen seitens diverser Nintendo Fanboys ein. Komisch, ich spiele seit vielen Jahren viel mehr auf GBA, DS oder Wii, als auf irgendeiner anderen Konsolenmarke, eine grundsätzliche Wohlgesonnenheit dem großen N gegenüber würde ich mir durchaus attestieren. Aber hallo, in der Packung liegt ein Stück Plastik, in das man vorne die Wii Remote und hinten den Nunchuk einrastet, und eine Spiele-DVD. Die erhält eine Art erweitertes Tutorial für den Zapper namens Link's Crossbow Training. Und jetzt kommt das Komische: Ich hatte erstaunlich viel Spaß mit dem Ding, sucht mal bei YouTube nach "joerg zapper". Und das erwähnte Minispiel ist sogar im Solomodus für etwa 2 Stunden Unterhaltung gut. Trotzdem, 30 Euro dafür sind überteuert, zumal man sich echte Spiele mit Zapper-Unterstützung (wie Resident Evil: Umbrella Chronicles) noch extra kaufen muss. Der nächste Streich von Nintendo wartet bereits: Dieses Mal nimmt Nintendo eine Waage, malt sie weiß an und verkauft das Ganze für viel Geld als "Wii Fitness".

Tragbarer Kriegshammer 40-K

Wie, jetzt ist die Kolumne schon so lang, und ich habe noch immer nicht "mein Spiel des Monats" vorgestellt? Link's Crossbow Training ist es jedenfalls nicht. Am meisten Zeit habe ich im Dezember mit Warhammer 40.000 für DS verbracht, einem gelungenen Rundentaktikspiel. In Kurzform die Pluspunkte: passable KI, klasse Darstellung der Schusslinien und Trefferchance, zerstörbare Gebäude, steuerbare Vehikel. Und in jeder der 15 Solo-Missionen kommen neue Einheiten oder Waffen dazu. Und das Negative: Das Warhammer-Universum wird fast völlig verschenkt, die Story ist nicht-existent: Zwischen den Einsätzen gibt es nur Allgemeinplatz-Textgelaber, es wird nur vom "Bösen" oder "der Korruption" gefaselt, aber nie ein Gegner oder ein Planet mit Namen bezeichnet. Man schwebt also völlig im Ungefähren. Von meinen sechs namenlosen Soldaten (teils durch Vehikel ersetzt) kann ich bis auf einen alle abkratzen lassen, für die nächste Mission erhalte ich eh wieder ein neues, genau vorgegebenes Team. Hätte man mich die Typen nicht wenigstens benennen lassen können? Solche Motivationssünden lassen mich zögern, von "meinem Spiel des Dezembers" zu sprechen, aber Taktikfans sei es trotzdem zum Probespielen empfohlen. Und noch ein Nachsatz in Sachen Mundwässrigwerden-des-Monats: Als großer Fan des (leider wenig erfolgreichen) 2002er Titels C&C Renegade habe ich mich sehr über die Ankündigung von Tiberium gefreut. Ich hoffe nur, dass die Designer von EA L.A. vor allem coole Elemente von Renegade übernehmen (Erntemaschinen jagen, Basis zerstören), anstatt noch irgendeinen Battlefield-Klon im C&C-Universum zu fabrizieren.

Nachsitzen für den Schreiber

Gerade will ich diese Kolumne beenden und in die unentschuldigte Weihnachtsabwesenheit entschwinden, da kommt eine Nachricht von Onlinewelten.com. Aus Persönlichkeitsschutzgründen gebe ich sie ohne Angabe des Autors und leicht abgewandelt wieder: "Jörg, kannst du nicht mal kurz noch am Ende einen Jahresrückblick machen, so in zwei bis drei Sätzen, in denen du sämtliche in 2007 erschienenen Spiele auf allen Plattform detailliert vorstellst, inklusive ihrer echten oder spirituellen Vorgänger?" Mist, also noch mal die Koffer ausgepackt, die weinende Familie mit Schokolade und Teletubbies ruhiggestellt und zurück an den PC. Amerikanische Late-Night-Shows machen ja seit langem vor, wie man mit wenig Inhalt viel Sendezeit füllt, und das beliebteste Instrument dabei ist das der Toplisten. Das kann ich auch, hier sind meine Best-of-Listen für das Jahr 2007:

DIE HYPES DES JAHRES

5. Rock Band
4. "E for All"-Publikumsmesse in L.A.
3. Wii Fitness
2. Duke Nukem Forever
1. Windows Vista / DirectX 10


DIE TRENDS DES JAHRES

5. Kaum Konsolen-Toptitel
4. Miese PC-Umsetzungen
3. Community als Mit-Entwickler
2. Casual Games
1. Marktkonzentration (EA/Bioware, Vivendi/Activision)


MEINE SCHLIMMSTEN ERLEBNISSE

5. Ein Interview mit Frank Pierce (Blizzard)
4. Die sieben Endgames von Stalker
3. Hotel-Hopping während der E3
2. Jade Raymond hat mich nicht beachtet
1. Crysis-Demo auf 2005er Grafikkarte

MEINE SCHÖNSTEN MOMENTE

5. Zelda auf Wii spielen (zig Beispiele)
4. Als Montezuma Spanien besiegen (Medieval 2 Kingdoms)
3. Beim neuen Laptop Vista durch XP ersetzen
2. Bei Stalker den Reaktor erreichen
1. In Bioshock die erste Little Sister retten


MEINE TOP 5 DER PC-SPIELE

5. Medieval 2: Kingdoms
4. Stalker
3. World in Conflict
2. Bioshock
1. Crysis


Jedes dieser fünf Spiele hat einige dicke Mängel, trotzdem hatte ich mit ihnen insgesamt am meisten Spaß im Jahr 2007. Außerdem muss ich mir nichts mehr beweisen und wie 99,9% meiner Kollegen Portal vergöttern. Oder das von mir innig geliebte Strategic Command: Weapons&Warfare, dem Addon zu einem Hauptprogramm, das nur 0,1% der Spieler dem Namen nach kennen dürften. Auf knappen Verfolgerplätzen sind übrigens C&C 3 und Gears of War gelandet. Und eigentlich gehört das hochklassige Call of Duty 4 in die Liste, doch es zelebriert mir zu sehr das Thema "moderner Krieg". Und mindestens ein Team Shooter (außer Crysis) müsste man fairerweise nennen, und außerdem ein beliebtes MMO mit aktuellem Addon. Aber es ist halt meine Topliste...

Und damit wünsche ich euch viel Spaß beim weihnachtlich-friedvollen Item-, Kills- und Kalorien-Sammeln!

---Jörg

joerglanger@joergspielt.de

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